Der bayrische Melodic-Metal Geheimtipp Crystallion hat vor kurzem das nunmehr dritte Album veröffentlicht. Es handelt sich wieder um ein Konzeptalbum. Diesmal tritt der Hörer eine Zeitreise in das Jahr 1815 an, um quasi live Mitzuerleben, wie Napoleon Bonaparte aus der Verbannung zurückkehrt um die Macht in Europa an sich zu reißen, wobei er letztendlich scheitert. So macht Geschichtsunterricht Spaß!

Ich muss zugeben, dass während meiner Schulzeit der Geschichtsunterricht - neben dem Lateinunterricht - das grausamste war, was ich mir vorstellen konnte. Und das obwohl mich Geschichte im Prinzip interessierte, aber in der Schule war das die absolute Hölle. Wie gut, dass es auch Bands gibt, deren Musik dort ansetzt wo bei vielen jungen Menschen der Geschichtsunterricht versagt hat. Zu solchen Bands zähle ich unter anderem Rebellion, Sabaton oder auch Iced Earth (der Gettysburg-Epos auf der Glorious Burden ist der Hammer). Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen, aber das will ich euch nun ersparen, denn es geht hier ja um eine ganz bestimmte Band aus dieser Liste:

Crystallion haben ein neues Konzeptalbum veröffentlicht, indem es um die Herrschaft der Hundert Tage von Napoleon geht. Das Album beginnt bei der Rückkehr aus der Verbannung und endet mit der Niederlage in Waterloo.

„Cloak And Dagger“
Das Intro entführt den Hörer aufs Meer, wo Napoleon kurz davor ist von seiner Verbannungsinsel Elba wieder nach Frankreich zurückzukehren. Es beginnt mit einem Dialog von Napoleon, in dem er ankündigt Frankreich neu aufleben zu lassen. Die restliche Hälfte des Liedes ist ein sehr ruhiger, aber schöner Keyboardpart, welcher auch als Kinosoundtrack geeignet wäre.

„The Sleeping Giant“
Direkt im Anschluss an die Keyboards des Intros legen auch die restlichen Instrumente los und zaubern eine sehr eingängige Melodie, welche nach einer guten Minute auch von Thomas Stimme ergänzt wird, welcher musikalisch den momentanen Zeitpunkt in der Geschichte und das Vorhaben von Napoleon Bonaparte darstellt.

A Cry In The Night“
War das letzte Stück noch etwas langsamer, so geht es nun direkt richtig los und es ist Haare schwingen angesagt. Hier dominiert der Melodic-Metal und man führt sich sehr an Stratovarius erinnert. Die Double-Bass donnert nahezu durchgängig und unterstützt die restlichen Komponenten perfekt, sodass „A Cry In The Night“ ein schnelles, energiegeladenes Lied ist.

“Sole Survivers In Ligny”
“Sole Survivers In Ligny” beginnt äußerst fetzig, mit einer rockmusikalisch unterstützen Pianomelodie, welche mich sofort begeistert hat. Auch die Gesangsleistung gefällt mir, sie variiert von etwas aggressiveren Ausrufen (Shouts zu sagen wäre wohl übertrieben) und Chören, welche das Lied zu einem Highlight der CD machen. Gegen Ende gibt es ein sehr gelungenes Gitarrensolo und auch die Pianomelodie vom Anfang taucht hin und wieder auf. Der Song handelt übrigens von der Schlacht von Ligny, welche zwei Tage vor der legendären Schlacht um Waterloo stattfand.

“Nations Falling”
Ganz im Gegensatz zu seinem Vorgänger beginnt „Nations Falling“ sehr ruhig und melancholisch mit einem Napoleonmonolog. Schneller wird es dann als Napoleons Gegner ihre Armee motivierend auf die bevorstehende Schlacht bei Waterloo vorbereiten, in der sie Napoleon und die Franzosen vernichtend schlagen wollen. Musikalisch ist das Ganze eine nette Sache, aber auch nichts Außergewöhnliches.

“Hougoumont”
Als ich mir die Tracklist der CD sah dachte ich mir nur „Hugo-was?!?“, aber mittlerweile weiß ich, dass es sich um ein Schloss handelt, welches von nicht geringer taktischer Bedeutung war. Die Musik ist stimmig, der Gesang passt wunderbar zum Rest und grade der Refrain klingt sehr ansprechend. Nach gut der Hälfte kommt ein Instrumentalteil, welcher die Spannung weiter aufbaut und insbesondere durch das Schlagzeug kann man sich gut die Szenerie an diesem regnerischen Mittag vorstellen.

“Under Heavy Fire”
Der Name lässt einen schon ahnen, was einen hier erwartet und man wird auch nicht enttäuscht. Man ist nun mitten in der Schlacht und kompromisslos wüten wir unter den Gegnern. Das Zusammenspiel der Gitarre mit dem Keyboard im Refrain ist einfach Klasse. In der Mitte des Songs legen die Jungs noch etwas zu indem sie dem Lied einen Instrumentalteil spendieren, der es in sich hat. Erst darf der Gitarrist sich austoben und dann gibt es wieder eine feine Keyboardmelodie, welche von den Drums komplettiert werden

“We Stand Aligned”
Irgendwoher kommt mir das Riff am Anfang bekannt vor, aber ich kann es nicht einordnen. Insgesamt wird dieser Track sehr stark von den Gitarrenriffs dominiert, welches dem ganzen Song eine starke Heavy Metal Note gibt. Plötzlich ist es vorbei mit der Gitarre und man hört nur noch das Keyboard und den Gesang, doch langsam aber sicher kämpft sich die Gitarre wieder hervor, bis sie stärker als vorher wieder das Klangbild dominiert.

“Hundred Days”
Beim Keyboard-Intro des vorletzten Stückes haben Crystallion etwas in der Episch-Kiste gewühlt und sind fündig geworden. Knappe 15 Sekunden später setzt die Gitarre wieder ein und das Gesamtwerk klingt nach feinstem Melodic-Metal. Die Stimmung des Liedes kündigt das bevorstehende Ende für Napoleon und die Franzosen an. Im letzten Drittel liefern sich Keyboard und Gitarre ein Duell und es wird klar, dass die Schlacht endgültig verloren ist. Napoleon wird ein zweites Mal in die Verbannung geschickt und die Geschichte ist zu Ende.

“The Bravest Of The Brave”

Es handelt sich beim letzten Lied des Albums um eine vom Keyboard dominierte Ballade, welche für Gänsehaut sorgt. Sie handelt von Michael Ney, einem Verbündeten Napoleons, welcher zum Tode verurteilt wurde. Der Refrain des Liedes sind die letzten Worte Neys, mit denen er den Soldaten den Feuerbefehl gab.Durch das ganze Album zieht sich übrigens, dass der Text nicht allgemein ist, sondern immer einem speziellen Sprecher zugeordnet ist. Ohne Kenntnis der Geschichte wird man kaum herausfinden, wer was sagt, aber auf der Webseite der Band gibt es eine Datei mit allen Songtexten des Albums, inklusive deren Sprecher. Ein Blick lohnt sich auf jeden Fall.

Fazit
Crystallion war mir bisher kein Begriff, aber nun weiß ich, dass ich wirklich etwas verpasst habe. Dieser Mix aus Hard Rock und Melodic Metal, gepaart mit intelligentem Songwriting überzeugt auf ganzer Linie. Manchmal klingen die Reime etwas gezwungen („It’s Gerard and the Guard who are hitting them hard.“), aber das tut dieser CD kaum einen Abbruch. Die Songs klingen nicht gleich, so dass einem nicht langweilig wird, aber trotzdem fügen sie sich perfekt in das große Ganze ein, so dass ein rundes Gesamtwerk entstanden ist.

Titel:

Hundred Days

Veröffentlicht am:

23.10.2009

Label:

AFM Records

Bewertung:

8.5

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Tracklist:

01. Cloak And Dagger
02. The Sleeping Giant
03. A Cry In The Night [X]
04. Sole Survivors In Ligny [X]
05. Nations Falling
06. Hougoumont
07. Under Heavy Fire [X]
08. We Stand Aligned
09. Hundred Days
10. The Bravest Of The Brave


Spielzeit: 52:13