Dream

Hinter jedem Album der New Yorker Progrock-Truppe steckt eine Vision, die sich dem Hörer manchmal erst langsam erschließt. Daher verbietet sich ein Urteil vor dem 20. Durchlauf. Doch dieses Mal haben die Ausnahmemusiker um die verbliebenen Gründungsmitglieder John Petrucci und John Myung mächtig vorgewärmt mit der Entscheidung, das Album schlicht und einfach „Dream Theater“ zu nennen, oder „self titled“ wie man manchmal liest. 

Das soll also der definitive Sound der Band sein, die über die Jahre bereits einige Meilensteine zu verantworten hatte, indem sie musikalischen Anspruch und Eingängigkeit erfolgreich miteinander verband. Was soll man erwarten? Epische Stücke mit Schwindel erregenden Instrumentalpassagen und mit musikalischen Finessen gewürzte Ohrwürmer? Und wie hat sich Neu-Schlagmann Mike Mangini zum ersten Mal auch in den kreativen Prozess mit eingebracht, im Schatten des übermächtigen Mike Portnoy?

Die Fakten des Albums ernüchtern zunächst. Acht von Neun Stücken dauern nicht länger als 8 Minuten, davon zwei instrumentale, der letzte Song misst dafür 22 Minuten. Was man zu Beginn hört, ist die „False Awakening Suite", ein Sound, der dem eingesessenen Rage-Fan vor ein paar Wochen erst in Form des Lingua Mortis Orchestra aus den Boxen entgegen kam. Es folgen jede Menge Eingängigkeiten, ein paar Vertraktheiten, zum Ende der voluminöse Höhepunkt und ein Pianostück, fast als Hidden Track. Es hat einen nicht wirklich gepackt, also noch einmal rein mit dem Teil.

Die nächsten Durchläufe ändern den Eindruck nicht grundsätzlich. Doch wegschmeißen will man es irgendwie nicht. Die Riffs knallen, die Melodien bleiben in den Gehörgängen haften, nur die musikalischen Exzesse, die die Band so auszeichnen, sucht man immer noch vergeblich. Eigenartig eintönig scheinen zudem die Texte stets von Kämpfen zu handeln, die der Mensch in seinem Inneren austrägt, mal um Hilfe suchend, mal sich selbst an den Haaren aus dem Sumpf der bleiernen Alltäglichkeit ziehend. Lyrische Ideenlosigkeit?

Irgendwann zwischen dem 15. und dem 20. Durchlauf trifft es dann. Die Musik, die Texte, die Anordnung, es hat alles System. Nach dem „False Awakening" folgt der brachiale Zweikampf mit „The Enemy Inside", die getragene Perspektivenveränderung dank des Blicks durch „The Looking Glass", das vertrackte Rätsel der eigenen „Enigma Machine", um dann die Harmonie des „Bigger Picture" zu entdecken und sehnsüchtig „Behind The Veil" zu schauen. „Surrender To Reason" ist die epische Konsequenz dieser Entwicklung, bis zur friedlichen Einsicht, man ist nun „Along For The Ride" und schließlich die allumfassende Erkenntnis der „Illumination Theory".

Das also ist Dream Theater. Versteht man die Scheibe als Konzeptalbum und schaut sich das mehr als zwei Dekaden andauernde Schaffen der Band an, so macht es Sinn. Die Komplexität der eigenen Existenz, der Kampf mit der Wirklichkeit und die Spannung zwischen Traum und Tag ist stets eines der zentralen Themen ihrer Musik gewesen. Als „Gesamtkunstwerk", um mal einen alten Ausdruck zu bemühen, fasziniert das Album und man kann nur den Hut davor ziehen. Es ist in vielerlei Hinsicht heilsame Musik mit hoher Suchtgefahr.

Dennoch hält die Band Potential zurück und das führt aus Hörersicht zu Abzügen. Gerade im Hinblick auf Mike Mangini, der mit der letzten, vor dynamischer Zerrissenheit überquellenden Scheibe „A Dramatic Turn Of Events" ein formidables Banddebüt ablieferte, ist das Zurücknehmen bedauerlich, wenn man von Videos und Konzerten weiß, was er kann. Es fehlen die Passagen, die den Hörer zum exzessiven Wahnsinn treiben und die ein ganz entscheidendes Merkmal der Band sind. Mit einem vor kreativem Hunger brodelnden Mike Portnoy wäre so eine Platte nicht möglich gewesen. Vielleicht ist das gerade der Grund, warum sie so geworden ist.

So erscheint „Dream Theater" als ein Album, das die Band auch für sich selbst gemacht hat, harmonisch und alle Musiker gleichberechtigend. Wir freuen uns darüber, dass es ihnen gut geht und dass sie dieses Gefühl auf uns übertragen wollen. Das gelingt ihnen vollends. Beim nächsten Mal darf die Fresse aber auch gerne wieder ein bisschen dicker sein.

Titel:

Dream Theater

Veröffentlicht am:

24.09.2013

Label:

Roadrunner Records (Europa)

Bewertung:

9.0

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Tracklist:

False Awakening Suite (2:42)
The Enemy Inside (6:17) X
The Looking Glass (4:53)
Enigma Machine (6:02)
The Bigger Picture (7:41) X
Behind The Veil (6:53)
Surrender To Reason (6:35) X
Along For The Ride (4:45)
Illumination Theory (22:18)