Es ist mal wieder viel los in der Metalszene. Hatte ich neulich noch das Debut von Adrenaline Mob in meinen Händen und befand es für hervorragend, so sah ich auf der Portnoy-Homepage, dass er noch eine weitere Band beschäftigt. Ist schon ein umtriebiges Kerlchen. Als ich dann jedoch neben Mike Portnoy noch die Namen Steve Morse, Neal Morse und Dave LaRue sah war mir klar, dass hier eine weitere Allstar-Band ins Leben gerufen wird. Und dann steht da noch Casey McPherson, seines Zeichens von Portnoy vorgeschlagener Sänger und Neal Morse-Stimmdouble. Das sind Zutaten aus denen progressive Träume entstehen können. Und Gummibärchen.

Gucken wir uns doch mal die Platte etwas genauer an: Mit 57 Minuten und 35 Sekunden endlich nochmal ein Album mit amtlicher Länge. Der kürzeste Song liegt bei guten 3 Minuten und 20 Sekunden und der längste bei saftigen 12 Minuten. Das verspricht viel Abwechslung und könnte dem begriff "Progressive Rock", unter dem das Flagschiff auffährt, doch deutlich entgegenkommen.Kein Name sticht mir als Coverversion ins Auge, scheint alles Marke Eigenbau zu sein. Da bin ich mal gespannt und lasse die Platte mal mit der Rotation beginnen.

 

Track 1: Blue Ocean

Zuerst ein paar kurze gesprochene Fetzen, dann ein knackiger Basslauf, die anderen Instrumente steigen langsam ein. Das wirkt frisch, das wirkt spontan und stellt einen angenehmen Einstieg ins Album dar. Schnell wird klar, warum hier jeder wirklich top an seinem Instrument ist. Die Strophen wirken lässig, der Refrain hat etwas hymnisches und im allgemeinen fällt mir auf, dass es wieder sehr nach einer typischen Band für Neal Morse klingt. Nicht verkehrt, aber nicht ganz so frisch wie es möglich gewesen wäre. Positiv fällt auf, dass trotz der Virtuosität und technischen Möglichkeiten eines jeden hier etwas ganzes wirkt, nie wirkt der Song vertrackt oder konstruiert sondern immer gewachsen und ohne irgendwelche unnötigen aber möglichen Schnörkel.

 

Track 2: Shoulda Coulda Woulda

Junge ist das heavy! Auch hier wird nicht mit übermäßig tiefgestimmten Gitarren und extremer Verzerrung gearbeitet, dafür mit treibenden Riffs und einem sehr kompakten Bandsound. Dieser Song steht im sehr positiven Kontrast zum Opener, der noch sehr Morse-Lastig klang. Hier liegt eindeutig etwas mehr Hard Rock in der Luft und entfernte, schwache Assoziationen zu Adrenaline Mob werden da doch glatt wach. Nicht vom Sound, aber vom Riffing. Wenn ichs nicht besser wüßte könnte dieser Song auch von Muse kommen.

 

Track 3: Kayla

Ein kurzes Gitarrenintro welches mich an Blackmores Night erinnert und schon setzt der Gesang ein. Und schon erinnert es mich wieder an Transatlantic. Ich würde ja sagen, dass diese Band versucht sehr viele Stile und typische Bandsounds zu vermischen und es wie etwas eigenständiges klingen zu lassen. Allerdings wäre versuchen das falsche wort - sie schaffen es! Ein wunderschönes verträumtes Lied mit einer vielschichten Bridge, wunderbar für den Sommer.

 

Track 4: The Storm

"There was a time where my life was easy." Es gibt Bands, die nur von Drachen und Einhörnern singen. Es gibt Bands, die nur über Tod, Vernichtung und Alkohol singen. Und es gibt Bands, die eine sehr persönliche Note in den Texten zulassen. Dass "The Storm" ein wunderschönes in sich stimmiges Stück Progressive Rock darstellt war mir schon vor dem hören allein durch die ersten drei Stücke klar. Allerdings ist die Persönlichkeit dieses Textes und die Botschaft, dass manchmal nur im Schlimmen etwas wunderbares geschaffen werden kann, einfach toll. Und eine Abwechslung zu den Texten über Drachen und Mörder.

 

Track 5: Forever in a Daze

Nehmen wir diesen Song doch mal als Cocktail: Man nehme Ohrwurmartige Gitarrenriffs, wirft funky Schlagzeug und funky Bass hinein, nimmt tollen Gesang, legt noch etwas Dynamik nach und gibt eine Prise Mitsing-Refrain dazu. Gut durchschütteln und, besonders die funky Bridge, genießen.

 

Track 6: Love is What I'm Waiting For

Wenn man Jahrelang selbst mit Keyboardern in einer Band spielte weiß man, dass sie mit der Möglichkeit der vielen Sounds eines schonmal vergessen können: Manchmal braucht es einfach einen schönen klassischen Klavier-Sound (Gewisse Personen mögen mir diesen Satz verzeihen). Wunderbar, dass Neal Morse im richtigen Moment diesen Sound gewählt hat. Ein weiterer vielschichtiger Song der von einem intelligenten Arrangement, einem Klasse Gitarresolo und irgendwas lebt, was ich sonst nur von den Beatles kenne.

 

Track 7: Everything Changes

Nach einem melancholischen Intro klingt ein ruhiger Gesang an, alles etwas ruhiger gehalten als bisher, ist das erste Drittel des Songs die erste wirkliche Ballade auf dem Album. Natürlich gehört zu einer Ballade aber auch ein Feuerwerk, und das kommt nach einem durchkomponierten Übergang in Form eines tragenden Gitarrensolos, welches in dem Rest der angefangenen Ballade aufgeht. Diese wiederrum kulminiert in einer langsamen kontextuellen Steigerung hin zu einer wahren musikalischen Klimax. Bei Gelegenheit darf mir jemand erklären, was ich mit diesem Satz meinte. Ein "Es ist ein geiles Ende" hätte es wohl auch getan.

 

Track 8: Better Than Walking Away

"Better Than Walking Away" ist eine wirklich ruhige, getragene Ballade, einzig das Gitarrensolo ab der Mitte des Songs hebt die Lautstärke nochmal etwas an, passend zur Dramatik des Songs. Klingt die Beschreibung erstmal sehr ähnlich zu der von Track 7, so sind doch deutliche Unterschiede zu hören.

 

Track 9: All Falls Down

Das kürzeste Lied des Albums. Und je kürzer das Lied, desto mehr Noten müssen in dieser kurzen Zeit gespielt werden. Zumindest erkläre ich mir so den Ansatz für das verzockte, schnelle Intro. Im allgemeinen bis jetzt der härteste und schnellste Song auf dem Album, ich vermute sogar mal dass die nächsten beiden nicht schneller oder härter werden. Da der Song nicht der längste ist mach ichs kurz: Ein schöner Rocksong mit einigen klassischen Gitarreneinwürfen, einer atemberaubenden Bridge und einigen netten Synthieparts.

 

Track 10: Fool in My Heart

Ein schönes ruhiges Lied, angenehmer Gesang. Wäre es etwas später würde ich mir ein Glas Wein gönnen und mich zu diesem Song in Ermangelung eines Kamins vor den Fernseher setzen und mir irgendwie eine dieser Kaminfeuer-DVDs besorgen. Leider weiß ich nicht viel noch nicht zum Album Erwähntes zu diesem Lied zu sagen, außer dass es sehr angenehm dahin plätschert. Cheers!

 

Track 11: Infinite Fire

12 satte Minuten wird "Infinite Fire" rotieren und damit den längsten Song des Albums stellen. Ruhig und sphärisch fängt es an, erneut erinnert es damit etwas an Transatlantic. Plötzlich brechen die Instrumente über einen hinein und ergeben sich kurze Zeit später in der ersten funky Strophe. Der Refrain hingegen treibt voran und drückt sogar leicht in der Magengrube. Ein gekonnter nicht künstlich wirkender Mix. Dieser Song scheint nochmal alles, was auf diesem Album vorhanden ist, herausholen zu wollen. Vertrackte Riffings, kurze funky Orgeleinwürfe, schöne Soli, klarer Gesang und auch treibende, drückende Stellen. Ein perfekter Abschluß für ein augenscheinlich perfektes Progrock-Album!

 

Fazit:

Spielfreude. Abwechslung. Dynamik. Technische Versiertheit. Gute Hooklines. Eine Menge Schlagwörter, die alle zutreffen. Und ich fände, wenn ich mir die Zeit nehmen würde, garantiert noch mehr. Allerdings wurde eigentlich bereits alles gesagt, dieses Album ist für Progressive Rock Freunde und auch für noch unentschlossene eine perfekte Wahl. Sie wird auf jeden Fall noch häufiger in meinem CD-Spieler rotieren.

Titel:

Flying Colors

Veröffentlicht am:

26.03.2012

Label:

Bewertung:

10.0

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Tracklist:

Track 1: Blue Ocean [x]

Track 2: Shoulda Coulda Woulda [x]

Track 3: Kayla

Track 4: The Storm [x]

Track 5: Forever in a Daze

Track 6: Love is What I'm Waiting For

Track 7: Everything Changes

Track 8: Better Than Walking Away

Track 9: All Falls Down [x]

Track 10: Fool in My Heart

Track 11: Infinite Fire [x]