Das weltgrößte Heavy Metal Festival, das Wacken Open Air , wurde heuer 20 Jahre alt. Ab dem 29. Juli 2009 pilgerten darum wieder Heerscharen von Metallern aus allen Himmelsrichtungen gen Schleswig-Holstein, um dieses Ereignis auch gebührend zu feiern.
Das diesjährige Jubiläums-'Wacken Open Air' begann für uns also mit der Anreise am frühen Donnerstagmorgen. Nachdem wir zu nachtschlafener Zeit um kurz vor 8 unsere Pressebändchen abgeholt hatten, ging's erstmal zum Campground R, wo die Bottroper Vorhut schon den reservierten Platz in Anspruch genommen hatte.

Also erstmal schnell das Zelt aufgebaut, Willkommensbierchen getrunken und dann noch mal kurz geschlafen, bevor's mit mehr Bier und den ersten Bands weiter ging.

 Festivalgelände bei Tag

Nachdem wir uns gebührend mit Bier und Ravioli gestärkt hatten, ging es dann auch das erste Mal zum Festivalgelände. Die erste Band am Donnerstag war für uns Skyline, bei der Wacken-Gründer Thomas Jensen mitspielt, und die eigens zum Jubiläum neu formiert wurden. Der Auftritt von Skyline zeichnete sich vor allem dadurch aus, das er mit zahlreichen Gaststars geschmückt war. So gaben sich unter anderem Subway to Sally Sänger Eric Fish (hier allerdings zu hören am Dudelsack), Wacken-Inventarstück Onkel Tom und die unvermeidliche Doro Pesch die Klinke bzw. das Mikrofon in die Hand.

Während Onkel Tom mit dem launigen 'Auf nach Wacken - Kopp im Nacken!' aufwarten konnte, präsentierte Doro ihren ebenfalls eigens fürs Jubiläum geschriebenen Titel 'We are the metalheads'.

Nach Skyline waren dann die Mittelalter Rocker von Schandmaul dran. Mit Drehleier und Dudelsack heizten sie dem schon recht zahlreichen Publikum vor der Black Stage ein.

Rosa ist das neue Wacken

Danach gab es eine Riesen-Überraschung, die sich aber kurz vorher schon als Gerücht verbreitet hatte. Von mehreren Seiten war zu im Laufe des Nachmittags zu hören, dass J.B.O. noch kurzfristig fürs Jubiläum nachnominiert wurden, nachdem sie bisher nur auf den Wacken Rocks Shows auftreten sollten. Der erste eindeutige Hinweis war dann, dass J.B.O auf den offiziellen WOA 2009 Shirts aufgeführt waren. Ich weiß nicht mehr, ob uns dies bloß aus Vorfreude auffiel, aber plötzlich schien ein nicht unerheblicher Teil der Wacken Besucher rosa Shirts zu tragen. Rosa ist das neue Wacken?

Rosa ist das neue Wacken

Wie auch immer, der in der Running Order noch geheimnisvoll als 'Secret Show' bezeichnete Slot entpuppte sich dann tatsächlich als Auftritt der kurzfristig noch verpflichteten rosa Metaller aus Erlangen: J.B.O rockten die Party Stage! Auch wenn's nicht die ganz große Bühne wie in den Jahren zuvor war: J.B.O. waren live wie immer spitze und sorgten für ausgelassene Stimmung. Und scheinbar haben sich J.B.O. auch wieder auf eine ihrer großen Stärken besonnen: Ungemein coole Covers bekannter Metal und Pop Songs. So z.B. 'Geh mer halt zu Slayer ' vom neuen Album 'I Don't Like Metal, I Love It!'.

Die Band hatte jedenfalls auch jede Menge Spaß und zeigte sich auch vom Publikum sichtlich beeindruckt. Eine gelungene Überraschung.

Bevor es auf der Black Stage weiter im hochkarätigen 'A Night to Remember'-Donnerstagsprogramm ging, wurde es gegen kurz vor 20 Uhr erst noch einmal peinlich bis belanglos, denn: Die Metal Hammer Awards wurden verliehen. Moderiert von Schreihals Sabina Claassen von Holy Moses ...

Extra fürs Wacken Open Air schien man sich schnell noch ein paar Preise ausgedacht zu haben, die man den gerade anwesenden Musikern in die Hand drücken konnte. Der Titel 'God of Riffs' für Tony Iommi ging dabei selbstverständlich vollkommen in Ordnung. Danach durften sich dann auch noch Grand Magus ihren Preis für irgendwas abholen. Wofür der Preis jetzt genau war, ging leider in der Claassenschen Kakophonie unter.

Naja, wer's braucht... Wir bereiteten uns auf jeden Fall schonmal auf den nächsten echten Hammer des Abends vor.

 Festivalgelände bei Dämmerung

Running Wild spielten Running Wild

Was um ca. 20 Uhr 15 auf der Hauptbühne folgte, lässt sich wohl wiederum am besten in Anlehnung an J.B.O. umschreiben: Running Wild spielten Running Wild!

Es ging um nichts geringeres, als den letzten Auftritt der Band, die das was heute als Pirate Metal vermarktet wird, schon zelebriert hat, als die Mitglieder von Bands wie Alestorm noch mit der Rassel um den Christbaum rannten!

Band Leader Rock'n'Rolf hatte also entschieden, dass beim Jubiläums-WOA ein würdiger Schlusspunkt unter das Kapitel Running Wild gesetzt werden sollte. Und das tat die Band denn auch. Running Wild spielten alle Songs aus dem über die Jahre doch recht groß gewordenen Fundus, welche die Band zu einer Legende gemacht haben.

Nach nahezu 2 Stunden war dann aber leider auch diese letzte legendäre Show von Running Wild vorbei. Wobei... Irgend etwas fehlte noch... Kanonendonner ertönte und Running Wild spielten ein letztes Mal ihren bekanntesten Song Under Jolly Roger. Schon beeindruckendend, dass irgendwie jeder auf dem Festivalgelände den Song mitsingen konnte. Nach 2 Stunden hieß es dann ein letztes Mal 'Ready for boarding!' bevor sich Running Wild endgültig von den Fans verabschiedeten.

Der Donnerstag hatte es dieses Jahr in Wacken wahrlich in sich. Eine echte Night to Remember. Den Abschluss auf der Hauptbühne machten dieses Jahr niemand geringeres als Black Sabbath ...Entschuldigung, ich meinte natürlich Heaven & Hell , nicht dass uns noch die gestrenge Sharon Osbourne aufs Dach steigt...

Black Sabbath in ihrer Inkarnation als Heaven & Hell mit Über-Sänger Ronnie James Dio schickten sich also an, den Abend perfekt zu machen. Die Haare waren zwar schon etwas schütter und die Falten recht zahlreich, aber wenn man den mittlerweile 67-jährigen (!) Dio sah und vor allen Dingen singen hörte, dann hätte man meinen können, ins Jahr 1981 zurückversetzt zu sein. Der doch recht gewagte Glitzerfummel tat sein Übriges, um diesen Eindruck abzurunden.

Heaven & Hell lieferten eine großartige Show ab, die glaube ich keine Wünsche offen ließ und waren somit ein wirklich würdiger Schlusspunkt unter einen tollen Wacken-Donnerstag.

Kurze Notiz am Rande: In unserer Dusseligkeit dachten wir aus einiger Entfernung erst, Heaven & Hell spielen auf der Black Stage und waren ziemlich bestürzt zu sehen, dass der Platz davor vollkommen leer war (Zitat: 'Wissen diese Banausen heute gar nicht mehr, wer Black Sabbath sind?'). Glücklicherweise stellte sich dann aber beim Näherkommen heraus, dass Heaven & Hell auf der True Metal Stage vor einer ordentlichen Menge spielten.

Gamma Ray sind die wahren Helloween

Am Freitag ging es dann nach den ersten morgendlichen Erfrischungsgetränken auf Hopfen- und Malzbasis für uns mit Gamma Ray weiter. Die Band um Kai Hansen zeigte sich äußert gut aufgelegt und ließ die berechtigte Frage aufkommen, wer jetzt eigentlich die wahren Helloween sind. Gamma Ray legten mit einem Medley aus Heavy Metal Universe und Ride the Sky los, um direkt mal zu zeigen, wohin die Reise heute gehen sollte. Neben den üblichen Gamma Ray Klassikern waren denn auch noch weitere Titel von Helloween wie Future World und I want out mit im Programm. Ein wirklich gelungener Auftritt.

Nach Gamma Ray ging es dann erst einmal wieder Richtung Pressebereich und später nochmal zum Campground, bevor dann um ca. 19 Uhr Hammerfall an der Reihe waren.

Pressebereich

Hammerfall sind aufgrund ihres 'Truer than true' Gebarens sicherlich nicht unumstritten, aber man kann nicht verleugnen, dass die heutige Metal Szene und nicht zuletzt auch das Wacken Open Air ihren Erfolg der Wiederbelebung des Melodic Metal durch Hammerfall Ende der 90er verdanken. So ist es denn auch nur recht und billig, dass diese Band einen gebührenden Platz beim Jubiläums-Wacken einnimmt.

Die Band spielte sich routiniert durch alte, nicht ganz so alte und neue Songs und wusste rundum zu gefallen. Kleine Bravo-mäßige Anmerkung am Rande: Hammerfall haben in der letzten Zeit eine erfreulich positive Veränderung des Looks durchgemacht. Gerade der erblondete Oscar Dronjak hinterlässt einen wirklich positiven Eindruck, wo er früher doch manchmal ein bisschen verlegen und fehl am Platze wirkte.

Nach Hammerfall schickten sich diesen Abend noch zwei weitere Wacken-Stammgäste an, die Bühne bzw. das Publikum davor zu rocken: Motörhead und Doro.

Motörhead waren live wie immer eine Bank und selbiges galt auch für Doro, die sogar einen außerordentlich guten Tag erwischt zu haben schien. Auch wenn Doro mir persönlich mit ihrer 'Ich liebe meine Fans über alles! Wirklich! In echt jetzt!' Attitüde mittlerweile ein wenig auf die Nerven geht: Sie ist halt unbestritten eine der ganz Großen.

Mittelalter, Elvis, Circle Pits und Crusader

Das Samstagsprogramm begann für uns mit ausgiebigen Rundgängen auf Medieval Market (samt 'Wackinger Dorf') und Metal Market, an dessen Rande wir noch einen weiteren Auftritt von Onkel Tom auf der Party Stage mitbekamen, der damit das Kunststück fertig gebracht hat, an einem Wacken-Wochenende auf 3 Bühnen zu spielen.

Musikalisch ging es dann weiter mit den Spielleuten von In Extremo , die wie immer mit viel Feuer und Show-Elementen aufwarten konnten, auch wenn einige der ganz großen Hits im Programm fehlten.

Nach In Extremo war's dann Zeit für die Shooting Stars Volbeat aus Dänemark. Deren mittlerweile allgemein als Elvis Metal bezeichneter Stil bewegt sich irgendwo zwischen Elvis , Johnny Cash , Danzig und Megadeth . Ganz großes Kino! Diese Band macht live wirklich Spaß und hat sich zu Recht einen Platz auf der True Metal Stage zur besten Sendezeit erobert.

Schlag auf Schlag ging's weiter, auf Volbeat folgten Machine Head . Deren Auftritt ist wohl im Nachhinein einfach nur als legendär zu bezeichnen. Das Festivalgelände war rappelvoll. Sänger Robb Flynn war sichtlich begeistert von der Reaktion des Publikums und zählte zum Höhepunkt des Konzertes ganze 6(!) Circle Pits in der tobenden Menge.

Zwischendurch gab's noch einen kleinen Abstecher zur Biergarten-Bühne. Nachdem sich da zunächst irgendeine Bluesband aus der Region scheinbar an der Bühne festgekettet hatte und selbst durch laute 'Mambo Kurt !'-Rufe nicht zum pünktlichen Aufhören zu bewegen war, durfte dann endlich doch der Meister der Heimorgel ran.

Die Show des Heavy Metal Alleinunterhalters war skurril wie immer. Polonaise zu Scooter und den Böhsen Onkelz und das auf DEM Heavy Metal Festival, abgedrehter geht's kaum noch.

Nachdem Mambo Kurt und Machine Head ihren jeweiligen ganz eigenen Triumphzug beendet hatten, war es dann Zeit für eine britische Metal Legende . Saxon hatten sich fürs Jubiläums-Wacken und nebenbei auch ihr eigenes Bandjubiläum - 30 Lenze sind's mittlerweile - auch etwas besonderes ausgedacht. Die Fans durften nämlich im Vorfeld für ihren Lieblingssong von jedem Saxon Album abstimmen.

So spielten sich Saxon dann in ihrem mehr als 2-stündigen Set, das nur kurz für das übliche Promoter Thank You am letzten Abend unterbrochen wurde, auch durch alle Alben ihrer langen Bandgeschichte. Highlights dabei waren natürlich 'Crusader', 'Princess Of The Night', 'Denim And Leather', '747' und 'Live To Rock' vom neuen Album 'Into the labyrinth'. Auch wenn leider nicht ganz so gut besucht wie manch andere Band an diesem Wochenende, waren Saxon für mich einer der Favoriten des diesjährigen Wacken Open Airs.

Bereits während des Saxon Auftritts mischten sich einige seltsame Gestalten in weißen Infektionsschutzanzügen unters Publikum, Nanu? Was war das? Etwa doch Schweinegrippe in Wacken (mehr dazu siehe weiter unten)? Weit gefehlt! Denn nach Saxon waren noch Gwar angesagt. Es hieß also, sich auf jede Menge von der Bühne verspritztes Blut und Gekröse einzustellen. Und was ein wahrer Gwar Fan ist, der lässt sich natürlich von der Band bereitwillig mit diversen (selbstverständlich künstlichen - nur der Sicherheit halber, um hier nicht irgendwelche Sittenwächter auf den Plan zu rufen) Körperflüssigkeiten einseifen.

Subway to Sally bildeten das würdige Schlusslicht des Festivals. Diese Platzierung sollte sich jedoch als ein wenig fragwürdig herausstellen, ist doch am Ende dieses schönen Wochenendes bei vielen Besuchern schon die Luft raus. Wünschenswert für Subway to Sally und deren Fans wäre wohl ein Konzert zu einem Zeitpunkt gewesen, wo die Band richtig rocken und die Menge noch wie gewohnt toben kann. 

Alle glücklich, weiter so

Tja, was bleibt sonst noch zu sagen. Zum einen, dass es natürlich wieder reichlich Kurioses am Rande gab. So z.B. einen Metalhead, der bereits seit einigen Jahren seinen eigenen kleinen Vergnügungspark auf dem Campground aufbaut. Dieser besteht aus einem ehemaligen erheblich ausgebauten und mit einer zusätzlichen Etage versehenen Bauwagen, einer gigantischen Musikanlage, einem zum Grill (!) umfunktionierten Auto, einem Fitnessstudio und diversem weiteren Schnickschnack wie z.B. einer Luftabwehrsirene (!). Nach der Hausführung durch den Besitzer war mir klar, dass es sich hierbei um eines jener leidenschaftlichen Projekte handelt, deren tieferen Sinn nur ein Mann wirklich nachvollziehen kann und für das sein Erschaffer wahrscheinlich seine gesamte Freizeit geopfert hat.

Kühlergrill

Für das Wacken Open Air 2009 lässt sich ein durchweg positives Fazit ziehen. Nachdem es anfangs einige Klagen ob der immer kirmesartigeren Veranstaltung (z.B. gab es dieses Jahr eine Wrestling Show mit eigenem Zelt) und dem Ausbleiben der ganz großen Stars gab, schien nachher wirklich jeder begeistert gewesen zu sein. Wo es in den letzten Jahren immer mal wieder mehr oder weniger berechtigte und teilweise auch zu Recht sehr deutliche Kritik gab, waren dieses Jahr im Nachhinein nur positive Stimmen zu hören.

Die neue Aufteilung des Geländes inklusive der Schaffung des Medieval Markets und der Medieval Stage sorgten für eine zusätzliche Entzerrung der Massen und waren somit ein wirklich gelungenes Experiment.

Die Besucherzahl blieb mit ca. 75.000 konstant (zumal wenn man bedenkt, dass letztes Jahr Iron Maiden und Avantasia mit von der Partie waren) und die Wacken Promoter versuchen mittlerweile wohl auch eher mit den Wacken Rocks Festivals in Ostfriesland und Bayern weiter zu wachsen.

PS: Auch nochmal wichtig machen durften sich die Schleswig-Holsteinischen Behörden, die vor einer H1N1 Epidemie in Wacken warnten. Hat sich zwar nicht bewahrheitet, aber so hatten dann auch wirklich alle was vom Jubliäum...

Counting the days till WOA 2010... 

 

Björn Wilmsmann, Julia Platzer