Verwegen und klassisch in schwarz gehüllt stehen mein Kampfgefährte und ich - fast - in der ersten Reihe beim Nightwish Konzert. Nur noch wenige Minuten, dann soll die Vorband beginnen. Irgendwie kommen wir mit zwei Mädels ins Gespräch, die interessiert erfragen, ob das denn unser erstes Nightwish Konzert wäre und von wo wir denn kommen würden. Abgelenkt von der zentimeterdicken Schicht aus Schminke und schwarzem Lippenstift, die an zwei 18-jährigen, bebrillten Girlies definitiv übertrieben wirkte, antwortete ich 'Aus Merseburg, das sind so 25 Kilometer' - 'Was echt? Sooo weit seid ihr gefahren?' ... bevor ich darauf etwas antworten kann, erinnere mich auf dem Parkplatz ein Auto mit Münchner Kennzeichen gesehen zu haben und wende mich kopfschüttelnd ab.

Gut eine Stunde zuvor stimmten Martin und ich uns mit dem Radiosender 'Rockland' (nicht zu empfehlen) auf Nightwish ein, weil sein Corsa dummerweise nur mit einem Kassettendeck ausgestattet war. Bei Leipzig Ortseingang entdeckten wir ein schwarz besetztes Auto vor uns und beschlossen, dass die Leute bestimmt auch zum Nightwish Konzert wollen. Da wir den Weg nicht genau kannten und unsere kühne Vermutung sich schliesslich bewahrheitete, fanden wir ohne Schwierigkeiten die Halle und waren sogar noch schneller drin. Ohne(!) Security Check. Hätte ich meine digitale Spiegelreflex also doch unterm T-Shirt reinschmuggeln können.

An den Merchandise Ständen vorbei, die schon fleißig ihren Ware feilboten, ab durch die Mitte, hin zum Getränkestand. Eingedeckt mit Bier suchten wir uns einen Platz in der sich füllenden Arena. Vorne Links, auf guter Sichtweite zur Bühne ließen wir uns nieder und philosophierten mit überzeugender Ahnungslosigkeit über die neue Sängerin von Nightwish: Anette Olzon. Bei dieser Gelegenheit klinkten sich die beiden schon erwähnten Damen in unser Gespräch, das ich aber mit den schon genannten Aussagen schnell ausgereizt hatte.

Nach unendlichen 45 Minuten ging dann das Licht aus und eine freundliche Männerstimme gab die Sicherheitsanweisungen durch. Dann betrat die Vorband die Bühne: Pain. Pain? Nein, nicht Pain. Das fette Banner, das auf der Bühne hing, zeigte ein ‚K’. Es stellte sich heraus, das die uns vorstehende Band ‚Krieger’ hieß, aus Deutschland kam und auch auf Deutsch sang. Texte, die – nun ja – irgendwo knapp unter dem lyrischen Niveau von Rammstein anzusiedeln wären. Zwar konnte man dazu gut headbangen (was den meisten Anwesenden auch genügte), aber so richtig gute Stimmung verbreiteten sie nicht.
Wir sollten später in einer kurzen Redepause von Nightwish erfahren, dass Pain leider nicht spielen konnte. Einige Bandmitglieder waren am Abend zuvor in eine Straßenschlägerei verwickelt worden und aufgrund körperlicher Blessuren leider nicht in der Lage zu spielen.

Früher als erwartet betraten dann Nightwish als Mainact die Bühne. Spontaner Jubel und dutzende in die Höhe gerissenen Hände raubten uns auch noch die letzte Sicht auf die Bandmitglieder und vor allem auf die sehnsüchtig erwartete Anette. Es wurde laut, es wurde warm (nicht nur wegen der Pyroeffekte) und die Stimmung stieg.
Ein Song nach dem anderen wurde abgefeuert, jeder Anfangsakkord begleitet von spontanem Jubel.
Und dann sagte Anette das, was wir von ihr hören wollten ‚I like to be dirty’. Eine tobende Halle, eine grinsende Anette. Mit dem nächsten Satz stellte sich der Spruch als geschickte Werbestrategie für die an den Merchandise Ständen erhältlichen Nightwish Kondome heraus. Witzig, aber irgendwie ... seltsam.

Noch bevor wir genauer darüber nachdenken konnten, rockte die Band auch schon weiter. Die neuen Songs gemischt mit einigen älteren wurden gekonnt zum Besten gegeben und ließen keine Wünsche offen. Dabei mussten wir bemerken, dass auch die älteren Lieder mit der neuen Gesangstimme gut funktionierten und subjektiv betrachtet sogar besser klangen als vorher.

Etwa 90 Minuten später und etwas verschwitzter gaben sie ihre letzte und leider auch einzige Zugabe. ‚I wish I had an Angel’. Kompromisslos verließen die 5 Musiker die Bühne, zeigten sich aber noch mal von ihrer besten Seite um dem Publikum zu danken. Dann wurden sie von den Bühnentechnikern abgelöst, die bereits die Kabel einrollten.

Wir verzogen uns auf die hinteren Ränge zu den Sitzplätzen und sahen der Crew noch eine ganze Weile zu. Die Bühne verschwand im Schnellverfahren, unsere Hoffnungen, Nightwish würden vielleicht noch Autogramme geben, wurden nicht erfüllt. Platt, aber glücklich sahen wir dem Treiben zu, philosophierten über unsere Chancen, an den Securitys vorbeizukommen aber für heute genügte es uns, Nightwish live gesehen zu haben.