Zufallsfotos vom X-Rockfest - X, Herford (17.08.2013) -

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X Rockfest

X-Rockfest
Rock auf'm Parkplatz – das X Rockfest

Große Augen! Wer das „X" in Herford nicht kennt, braucht sich außerhalb Ostwestfalens nicht zu grämen. Aber wenn der Klub einen Festivaltag mit Bands wie Slayer, Anthrax, Fear Factory, Killswitch Engage oder Bullet for my valentine anbietet, wird man doch auch im übrigen Lande (im wahrsten Sinne des Wortes) HELLhörig. Sonntags, naja, geht besser, aber was tut man nicht alles? Auf Einladung meines Metalviecher-Nachbarn Marcus Kösters mache ich mich also auf den Weg nach hinter Bielefeld und lasse hier mal meine Eindrücke des Tages vom Stapel. Premiere für das Festival und einige auch für mich, denn außer Slayer habe ich noch keine der Bands auf dem Billing live gesehen. Feuer frei!
Es ist halb elf morgens. Nach zwei Stunden Anfahrt vom Ruhrpott aus frage ich mich, was uns für Gegebenheiten erwarten. Parken auf'm Parkplatz von Kaufland, ein zwanzig Minuten-Marsch durch ein mit Fast-Food-Läden ausreichend versorgtes Industriegebiet und dann in Sichtweite das Konzertgelände, ein grober Betonplatz zwischen einem Möbelhaus, einem Lager und einem Chinarestaurant. Scham oder Charme? Wir werden sehen.


Dixiklos können auch Kassenhäuschen sein, das ist die erste Lektion des heutigen Tages. Zugegeben, als ich in der langen Schlange für die Presseakkreditierungen stehe, läuft aus meiner Sicht der Orga-Motor mit heftigem Stottern an. Die erste Band While She Sleeps gibt's daher nur von Weitem. Fette Bühne, gegen die der Zuschauerraum eher klein anmutet. Nur eine Frittenbude auf dem Areal, das Chinarestaurant bietet einiges an, außerdem ein Stand mit veganem Chilli. Folgerichtig ist das Mäckes um die Ecke fast den ganzen Tag überfüllt. Man muss sich dran gewöhnen.
Die zweite Band White Chapel, Death-Core aus den USA, holt mich wegen des matschigen Sounds auch nicht gerade ab. Ist halt Geschmackssache. Der schon massig versammelten Ohrtunnelfraktion scheint es zu gefallen. Doch gerade wegen meines gemäßigten Interesses für die musikalische Darbietung fällt mir ein unbestreitbarer und äußerst wertvoller Vorzug des Areals auf. Es gibt zehn Bierstände und vier Dutzend Dixies an strategisch günstigen Positionen. Man wartet nirgendwo allzu lange. Bier rein, Bier raus. Hut ab den Organisatoren: Die Prioritäten sind wohl überlegt gesetzt.
Ein Uhr. Während mit Devil Driver von Ex-Coal Chamber-Sänger Dez Fafara so etwas wie die erste Chartband des Tages einen ordentlichen Gig abliefert, teste ich das vegane Chilli als Mittagsmahl. Dort ist keine Schlange, weil die Massen sich um die Pommesbude raufen. Ein Hoch auf die immer noch weit verbreitete Veganophobie! „Fear Factory" schenke ich mir, höre später aus zuverlässiger Quelle von einem engagierten Auftritt, der trotzdem die bekannten Schwierigkeiten von Sänger Burton C. Bell in manchen Passagen nicht überdecken kann. Stattdessen genehmige ich mir die Anthrax-Autogrammstunde. Die halbe Stunde Warten in der Schlange ist allerdings vergebens, denn die Band kommt nicht, Zeitprobleme, wie es heißt. Natürlich gibt es Gerüchte, dass Scott Ian der Backstageraum zu klein oder die Sahne auf den Erdbeeren nicht fluffig genug ist. Nichts davon kann bestätigt werden, außer der Tatsache, dass die Band im Vorfeld keinen guten Eindruck bei den Anwesenden hinterlässt. Mal sehen, wie der Auftritt so wird.
Zurück zur Bühne. Caliban, das heißt Ruhrpott-Metalcore und entsprechend eigentlich für die Band Heimspiel. So treten sie auch auf. Wie vom Grubengaul in den Hintern gebissen fegen sie über's Parkett und packen das Publikum am Kragen, um es einmal kräftig durchzuschütteln. Es ist bei jeder Art von harter Musik schön zu sehen, wenn sich die Akteure nicht hinter grimmigen Visagen und ach so coolen Posen verstecken, sondern Spaß an der Musik und am Gig versprühen. Caliban geben hier ein Lehrstück in dieser Hinsicht. Zumal ja direkt danach die sich anscheinend so divenhaft präsentierenden Anthrax aufspielen und die werden einiges zu tun bekommen, um diesen engagierten Auftritt zu toppen. Es geht auf vier Uhr zu.
Nun, um es vorweg zu nehmen: Anthrax reißen die Hütte ein! Von wegen Diven, von wegen lustlos, von wegen überspielte Metalrentner mit längst vergangenem Kultstatus. Dieser Gig ist von vorne bis hinten eine Augenweide. Sie saugen das Publikum auf, um es mit Wucht wieder auszuspeien, Sänger Joey Belladonna wirbelt wie ein Derwisch über die Bühne, Basser Frank Bello übt sich in vollendeter Gesichtsakrobatik. Es gibt keinen Stillstand. Beschwörend hebt die Band die Pommesgabeln, als sie zwei große Banner entfalten, eins mit dem Konterfei von Ronnie James Dio, eins mit dem von dem bei einem Amoklauf erschossenen Pantera-Gitarristen „Dimebag" Darrell Abbott. Belladonna sucht den Blickkontakt mit der Menge, wie um sie zu erinnern, dass Metaller eine große Familie sind, ob sie nun Kutten und Matte oder Hemden und Ohrtunnel tragen. Und wer könnte das besser, als ein Sänger der „Big Four"? Der Gig ist viel zu schnell vorbei und unter frenetischem Jubel kündigt die Band auch noch ein neues Album und eine Tour für nächstes Jahr an. Ich bin dabei. Für mich haben sich Anthrax den Titel „Headliner der Herzen" erspielt.
Nach diesem Bewegungsorkan muss ich mich zunächst an die Statik von Trivium gewöhnen. Die eisheilige Bühnendekoration schränkt deren Bewegungsfreiheit ordentlich ein. Ich selbst bin vom Anthrax-Auftritt noch so geflasht, dass ich mir eine Auszeit am Eingang des Fotograbens gönne. Doch die Floridianer, die sich seit Jahren mit schöner Regelmäßigkeit auch in den deutschen Charts tummeln, haben genug Hitpotential, um etliche Anwesende aus dem Pommeskoma zu holen und auf die weiteren Höhepunkte einzustimmen. Ich sehe die ersten ehrfürchtig vor dem eigenen Bierkonsum gesenkten Köpfe, Maurerdecoltés aneinandergereiht auf dem grauen Stein. Jetzt ist es ein Festival!
Mit Killswitch Engage hat sich das „X" eine der einflussreichsten Bands des letzten Jahrzehnts in den USA an Land gezogen. Der von eingesessenen Altmetallern verfluchte Metalcore wäre ohne die Band nicht das, was er heute ist. Inzwischen ist der nach dem Durchbruch-Album „Alive or just Breathing" abgewanderte Sänger Jesse Leach zurückgekehrt und man hört munkeln, dass einige Fans den alten Sänger besser fanden. Welchen jetzt? Den alten alten? Den alten neuen? Den neuen alten? Egal, der Auftritt macht Höllenspaß. Die Band und besonders Gitarrist Adam Dutkiewicz kaspert glanzvoll auf der Bühne herum und präsentiert fast nebenbei ansteckend groovige Metal(core)Songs. Abgeschmeckt wird die Show durch einige kernige Ansagen. Für mich der Spruch des Tages ist der Kommentar von Dutkiewicz zu dem Fan, der als Bierflasche verkleidet über die Menge surft: „I like the guy dressed as my favourite bear, but this guy is not gonna have Sex tonight". Dann kracht die Schwarte wieder. Das ist Härte, Spielwitz und die gesunde Portion Selbstironie, die für mich zu jedem guten Gig dazu gehört.
Genau deswegen ordne ich dann Bullet for my valentine „unter ferner liefen" ein. Die Metalcore-Chartprinzen lassen sich von ihren zahlreichen Fans feiern, als Außenstehender geht mir nicht gerade die Hose auf. Die Songs hat man irgendwie schon von anderen Bands gehört, nur besser, und die Show wirkt mehr wie eine herumstolzierende Aneinanderreihung von Allüren als wie eine Live-Performance. Nach einer guten Stunde Spielzeit wird der Laufsteg geräumt. Die Band spare ich mir demnächst.
Bei Festivals ist es ein netter Scherz, ab und zu während der letzten Umbaupause laut „Slayer" zu rufen, bevor der Headliner spielt. Ist ein Teil des vielschichtigen Kults, der sich irgendwann zwischen „Show No Mercy" und heute um die Band entwickelt hat. Entsprechend ist die Stimmung gespannte Erwartung und die Vorfreude darauf, in zwanzig Jahren verkünden zu können: Ich hab Slayer noch live gesehen!
Schlag neun Uhr betreten sie endlich die rot glühende und mit Nebel durchzogene Bühne. Mit einer Setlist von Slayer kann man eine Geschichte des Heavy Metal schreiben, doch Bewegung auf der Bühne war noch nie ihr Ding. Dies sei nur für den Fall angemerkt, dass bei der jüngeren Fraktion des Publikums der Verdacht aufkommt, der inzwischen vom Chef-Teufel zum altehrwürdigen Metal-Medizinmann erwachsene Tom Araya sei altersschwach geworden. Nach „World Painted Blood" und „Deciple" konzentriert sich die Band besonders auf ihre ersten Alben. Diese Klassiker werden mit Songs wie „War Ensemble", „Mandatory Suicide", „At Dawn They Sleep" und „Postmortem" gewürdigt. Der Sound matscht allerdings eher so vor sich hin und einige semikomatöse Gestalten neben mir üben sich in ihrer gefühlten hundertdreiundachtzigsten Runde Crowdsurfen. Das ist dann doch eher Kirmes. Wenn man Slayer schon live gesehen hat, kommt man um die Feststellung nicht drum herum, dass der in den Legendenhimmel abberufene Jeff Hanneman fehlt, ebenso wie Dave Lombardo. Aber um „Raining Blood", „South Of Heaven" und „Angel Of Death", die das Set abschließen, zu hören, reicht es allemal.
Kurz vor elf. Nach über zwölf Stunden Festival geht's zurück in den Pott. Trotz des holprigen Starts sind wir angetan von dem, was geboten wurde. Das Billing des ersten X Herford vermengte einen ordentlichen Schuss moderner Metalsounds mit zwei absoluten Klassikern, ohne zu sehr in eine Stilrichtung abzudriften. Traditionalisten könnte das aufstoßen, aber wer einigermaßen offen an die Bands heranging, der hat sicher das eine oder andere neu oder wieder entdeckt. Der Sound war nicht immer optimal, aber immerhin gab es nicht eine Minute Verzögerung. Das Parkplatzgelände war für den naturverbundenen Festivalgänger gewöhnungsbedürftig, die Organisation insgesamt doch wohl durchdacht, was wahrscheinlich nur die Menschen anders sehen werden, die sich auf dem Gelände um ihre Fritten und ihre Bratwurst prügeln mussten. Naja, trinkt man halt mehr Bier, Leute! Angesichts der aktuellen Ticketpreise wurde für die 45 Euren echt was geboten. Doch, Sonntage habe ich schon weniger amüsant verbracht.