Die Region Ostwestfalen/Lippe ist nicht für eine blühende Festivallandschaft bekannt, doch seit einigen Jahren mischt das Serengeti Festival die Gegend ordentlich auf. Die diesjährige Ausgabe des Spektakels präsentierte sich am 22. und 23. Juli wieder mit einem sehr ansehnlichem Billing und gut gemischtem Billing. Das Wetter war grenzwertig, aber ein richtiger Festivalbesucher lässt sich von so was natürlich nicht abschrecken, immerhin war der Wettergott der gesamten Festivalsaison 2011 nicht wohl gesonnen (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Die Anreise war äußerst unproblematisch und als die Karre dann ordnungsgemäß abgestellt und der Müllpfand von 5€ bezahlt war schmiss ich mir den Rucksack auf den Rücken und marschierte Richtung Zeltplatz, der vielleicht fünf Minuten von meinem Auto entfernt war. Ich hatte Glück, denn am Kassenhäuschen war niemand, sodass ich schnell mein Einlasspappbändchen bekommen konnte (richtige Stoffbändchen könnte man zusätzlich kaufen). Nach mir kommende Fans mussten teilweise stundenlang anstehen, was sicherlich ein kleiner Kritikpunkt am Serengeti Festival ist.

Das Bühnengelände lag direkt neben dem Campingplatz und war dadurch schnell zu Erreichen, was auch nötig war, da die Begrenzung auf 0,5l Tetrapacks ein wenig knapp bemessen war, vor allem da es nahezu keine Getränke in so kleinen Tetrapacks gibt.

Den Opener machten DISTANCE IN EMBRACE, die sich bei einem Fanvoting durchsetzen konnten. Für die frühe Stunde waren viele Fans anwesend, die jedoch ein viel zu kurzes Set von nur circa 15min zu Hören bekamen. Lieder wie „The Devil And The Sea“ oder „Versus the Architect“ kamen gut an, wenn auch noch wenig Bewegung in der Menge zu sehen war.

Direkt im Anschluss gab man dem Bürgermeister die Möglichkeit ein paar Worte an die Zuschauer zu richten, wobei ich - und die meisten anderen wohl auch – Lieber eine längere Show von DISTANCE IN EMBRACE gesehen hätten.

Als nächstes stand die Hardcore-Truppe YOUR DEMISE aus England auf der Bühne und mit ihrem energiegeladenen Auftreten und ihren Sprungeinlagen auf der Bühne schafften sie es auch ein wenig Bewegung in die Crowd zu bekommen. Der Aufforderung Mitzusingen kamen selbst bei Liedern wie „Life in Luxury“ oder „Miles Away“ nur wenige Fans nach, was aber wohl auf mangelnde Textsicherheit zurückzuführen war. Nachdem sie die nachfolgenden Bands WAR FROM A HARLOTS MOUTH und PENNYWISE grüßten war der Auftritt auch schon beendet.

Die erste der verhältnismäßig vielen Punkbands dieses Festivals war PASCOW, die mit energiegeladenen Songs wie „KO Computer“ einen sehr spiel- und sprungfreudigen Eindruck hinterließen.

Mit WAR FROM A HARLOTS MOUTH aus Berlin kam zu früher Stunde eine der ersten Abrissbirnen des diesjährigen Serengeti Festivals auf die Bühne. Moshpits, Circlepits und Wall Of Deaths waren die Regel und Nicos Sprüche wie „wir wollen jetzt `nen Circle Pit ihr Schwächlinge, macht euch frisch“ taten ihr Übriges um den geneigten Mosher zu begeistern. Den würdigen Abschluss des Konzertes machte die Wall OF Death des letzten Songs, die von Maschinengewehrsalven passend untermalt wurde.

Deutlich ruhiger ging es bei THE CREEPSHOW zu, deren die Spielfreude deutlich anzusehen ist: Die Sängerin Sarah springt wild umher und Basser Sean dreht sein Instrument bei jeder Möglichkeit. Zwar gibt es auf Anfrage des Bassisten einen kleinen Circlepit, doch die Menge scheint bis kurz vor Schluss immer noch nicht richtig aufzutauen.

Die LETZTE INSTANZ ist sicherlich eine der bekannteren Bands der deutschen Folk-Rock Szene und so wunderte sich auch niemand über die zahlreichen Fans vor der Bühne. Benni (Chello) und Rico (Violine) traten wieder einmal barfuss auf und auch das ein oder andere T-Shirt konnte nicht bis zum Ende am angedachten Platz bleiben. Mit Liedern wie „Rapunzel“ oder „Wir sind allein“ hatten sie die Fans schnell im Griff, sodass zur Abwechslung nicht gemosht sondern viel getanzt wurde. Dass auch aus tausend Kehlen Mitgesungen wurde ist selbstverständlich und Bedarf keiner weiteren Erwähnung. Ein kollektives Niederknien als Dank an die Veranstalter rundete den sehr gelungenen Auftritt der Dresdener ab.

Setlist LETZTE INSTANZ
Intro
Dein Gott
Neue Helden
Tanz
Flucht Ins Glück
Der Letzte Tag
Komm!
Finsternis
Rapunzel
Wir Sind Allein

Mit CALIBAN startete ein weiteres Metalcore Flaggschiff und es war die erste Band des Tages, bei der es schon wirklich voll war, bevor auch nur die erste Note gespielt wurde. Dass die Fans alle gekommen waren um Bassist Marco ein Geburtstagsständchen zu singen war eine sehr nette Geste. Weniger ruhig ging es den Rest des Konzertes weiter, sei es die Wall Of Death bei „No One Is Save“, die Crowdsurfer bei „Nothing Is Forever“ oder die Circlepits, so war für Publikum und Securitys doch durchgehend viel zu tun. Neben den Hits „I Will Never Let You Down“ und „24 Years“ gab es auch eine Coverversion von RAMMSTEINs „Sonne“. Nach „It’s Our Burden To Bleed“ war dann leider schon Schluss und die enttäuschten Blicke einiger Fans verrieten, dass sie noch deutlich mehr CALIBAN vertragen hätten.

Mit „Every Single Day“ starteten PENNYWISE ihr Programm. Jeder kennt sie – zumindest namentlich – doch viele wirkliche Fans waren im relative jungen Publikum kaum anzutreffen. Trotzdem geht die Menge bei den spielfreudigen Amerikanern um Jim Lindberg ab. „Fuck Authority“ wurde kurzerhand Rupert Murdoch gewidmet und spätestens bei „Bro Hymn“ rastete das Serengeti Festival völlig aus.

Setlist PENNYWISE
Every Single Day
My Own Country
Can't Believe It
What If I
Peaceful Day
Fight Till U Die
Same Old Story
Living For Today
Greed
Society
Western World
Fuck Authority
Alien
Stand By Me
Pennywise
Bro Hymn

Weiter punkig blieb es mit WIZO aus Sindelfingen, die sich erst 2009 wiedervereinigt hatten. Mit Klassikern wie „Kopfschuss“ oder „Hey Thomas“ dauerte es nicht lange bis das Publikum begeistert war. Das „goldene Stück Scheiße“ ging an Angela Merkel und auch so war zwischen den Songs einiges auf der Bühne los, so wurde zum T-Shirt ausziehen und „Hubschrauber spielen“ eingeladen, was die Fans auch bereitwillig taten. Neben einem neuen Song „Egal was kommt“ wurden natürlich noch viele weitere alte Hits gespielt um mit „Raum der Zeit“, „Quadrat im Kreis“ und „Kopf ab, Schwanz ab, has!“ nur einige Beispiele zu nennen. Beim für Punkbands obligatorischen Aufruf gegen rechts zeigte das Publikum Sänger Kurth durch lautes Jubeln seine Zustimmung.

Die Folk-Metaller von IN EXTREMO lieferten zweifellos einen grandiosen Headliner ab, jedoch war schon etwas weniger los, als noch bei WIZO, was daran liegen mag, dass das Publikum doch eher in die Metalcore und Punk Szene zu gehören schien. Trotzdem waren noch viele da und den Gebliebenen wurde eine erwartungsgemäß gute Show geboten. Mit zahlreichen Pyroeffekten aufgepeppt rockten sich die Sieben um Sänger Micha durch ein gut gemischtes Set aus Klassikern wie „Herr Mannelig“ oder „Liam“ und neuen Songs der „Sängerkrieg“ Platte, wobei der Fokus sicherlich auf neuem Material lag. Als unter lautem Applaus die letzte Note verklang verhallten die vielen „Zugabe“ Rufe leider wirkungslos.




Um 13:00 des nächsten Tages ging es dann direkt mit KRAFTKLUB, einer aufstreben und live ziemlich starken, Band weiter, die mich schon auf der RhEINKULTUR 2011 positiv überrascht hat. Leider gab es häufiger Probleme mit Felix Mikrofon, sodass er eines der festen Mikros des Gitarristen oder Bassisten nutzen musste. Mit Liedern wie „Randale“, „Zu jung“ oder dem neuen „Ritalin“ konnten sie das Publikum begeistern und spätestens bei „Ich will nicht nach Berlin“ springen alle mit. Passend bei „Scheissindiedisco“ flog eine Klopapierrolle auf die Bühne, ob sich da wohl jemand extra für KRAFTKLUB vorbereitet hatte?

Setlist KRAFTKLUB
Intro
Ich Hau Rein
Melancholie
Liebe
Ritalin
Randale
Ich Will Nicht Nach Berlin
Karl Marx Stadt
Zu Jung
Oh Yeah
Scheissindiedisco

Im Anschluss spielten ADEPT aus Schweden ihren melodischen Hardcore, die von Anfang an ordentlich Stimmung machten, sodass man die ersten Crowdsurfer erblicken konnte. Wie zu erwarten gab es auch davon abgesehen viel in Bewegung, wie zum Beispiel bei „Shark Shark Shark“, einem der bekanntesten Songs der Band. „This Could Be Home“ wurde den Opfern der Anschlägen von Olso und Utøya gewidmet, was während des Festivals noch für Verwirrung sorgte, denn es wusste ja niemand, was am Freitag in der Welt passiert war.

Ein wenig verwirrt traten MAD SIN aus Berlin auf die Bühne, hatten sie Afrika doch irgendwie anders in Erinnerung. Ein wenig fehl am Platz schienen sie trotz enormer Spielfreude und guter Performance wirklich zu sein, den die durchaus spaßige Mischung aus Psychobilly, Horrorpunk und was auch immer konnte absolut nicht zünden, dafür war das Publikum einfach das falsche. Schade.

Mein Überraschungshighlight des diesjährigen Serengeti Festivals kam in Form von BOY HITS CAR auf die Bühne. Die Energie der Band und insbesondere das Auftreten von Craig Rondell waren einfach einzigartig. Sänger Craig sah barfuss mit seiner Zottelmähne ein wenig hippiemäßig aus und man musste den Eindruck gewinnen, dass in einer Karatekickposition auf einem Fuß stehend das singen für ihn viel einfach ist. Auch zog es ihn zum Publikum, sodass er sich das Crowdsurfen nicht nehmen lassen konnte. Ausgelassene Stimmung gab es nicht nur auf der Bühne, sondern auch in der Menge herrschte eine erstklassige Partystimmung.

Ich hatte ehrlich gesagt erhebliche Bedenken, ob K.I.Z. auf einem Metal- und Punkfestival etwas zu suchen haben und war dementsprechend skeptisch und darauf vorbereitet das Weite zu suchen. Doch schon vor der Show war es im Pit brechend voll und als die vier Jungs vermummt und in Camouflage gekleidet mit CO2 Gewehten bewaffnet die Bühne betraten rastete das Publikum aus. Sie waren sich ihrer Außenseiterrolle bewusst, was sie jedoch nicht sonderlich interessierte, so wurde anstatt einer Wall Of Death eben eine Wall Of Love für Hip Hop zelebriert und das Publikum machte bereitwillig mit. Obwohl K.I.Z. textlich sicher mehr als fragwürdig sind machte der Gig jedoch wirklich Laune und die Show war wirklich erstaunlich gut. CO2 Kanonen, die Papiergeld verschossen und Flammenwerfer im Hintergrund beim Song „Hexenverbrennung“ rundeten den Auftritt visuell ab. Ab jetzt weiß ich: K.I.Z. auf Metalfestivals geht klar.

Mit AGNOSTIC FRONT ging es danach wieder mit traditionellem Hardcore aus den USA weiter. Mittlerweile war der Platz so trocken, dass die Fans bei den häufigen Circlepits ihre Shirts vor den Mund nehmen mussten um nicht die riesigen Staubwolken einzuatmen, die durch die Menge schwebten. Die Stimmung auf und vor der Bühne war, wie man es von AGNOSTIC FRONT gewöhnt ist, sehr ausgelassen und actionreich und sicherlich nicht nur etwas für Fans dieser Band.

Als die „20th Century Fox Hymne“ ertönte war klar: Jetzt kommen SKINDRED. Die Band die erst letztes Jahr hier spielen durfte und offensichtlich so gut ankam, dass man sie direkt wieder verpflichtete. Und wie sich im Nachhinein sagen lässt war es eine erstklassige Entscheidung, denn die Stimmung war am Siedepunkt. Crowdsurfer, springende und mitgröhlende Fans so weit das Auge reicht. Die Securitys hatten alle Hände voll zu tun die Surfer aus der menge zu fischen. Und doch wollte Sänger Benji immer noch mehr, was er letztendlich auch bekam. Die einmalige Mischung aus Reggae und Metal, die ich bisher nur bei den Briten hörte, sorgte für eine der größten Partys während des gesamten Festivals.

Setlist SKINDRED
Staind
Rat Race
Trouble
Doom Riff
(Prodigy)
Pressure
Cut Dem
Destroy
Nobody
Warning

Als BULLET FOR MY VALENTINE die Bühne betraten waren vermutlich alle jungen Mädchen des Geländes vor der Bühne versammelt um den relativ repräsentativen Querschnitt durch die bisherigen drei Alben euphorisch zu feiern. Die Waliser um Sänger Matthew Tuck präsentierten sich ziemlich gut und lieferten einen starken Auftritt ab, der bei den Fans wohl wenige Wünsche offen ließ.

Setlist BULLET FOR MY VALENTINE
Betrayal
Pleasure And Pain
Waking The Demon
The Last Fight
4 Words (To Choke Upon)
Say Goodnight
Scream Aim Fire
Hand Of Blood
Tears Don't Fall
---
Creeping Death (Metallica Cover)
Alone
Begging For Mercy

Als krönender Abschluss kam mit BAD RELIGION wieder eine Punk-Rock Legende auf die Bühne, die den hohen Erwartungen gerecht wurde und trotz ihres fortgeschrittenen Alters (immerhin gibt es die Bands seit über 30 Jahren, was deutlich über dem Altersdurchschnitt der Besucher lag) eine äußerst solide Show hinlegten und sowohl alte als auch neue Fans begeistern konnten. Mit Hits wie „Punk Rock Song“, „21st Century (Digital Boy)“ und „American Jesus“ hätte wohl kaum jemand etwas anderes vermutet.

Setlist BAD RELIGION
Resist Stance
Social Suicide
21st Century (Digital Boy)
Los Angeles Is Burning
Wrong Way Kids
Punk Rock Song
Atomic Garden
Before You Die
Recipe For Hate
Devil In Stiches
Come Join Us
New Dark Ages
The Defense
1000 More Fools
Dearly Beloved
Generator
Cyanide
Let them Eat War
No Control
Along The Way
Fuck Armageddon
American Jesus
Infected
Sorrow




Das Serengeti Festival 2011 war ein durchweg gutes Festival, wobei es natürlich auch ein paar Kritikpunkte, wie die Bändchenausgabe, die Securitys und ein paar weitere Kleinigkeiten gab. Die Bands konnten überwiegend überzeugen und die ausgewogene Mischung verschiedener Stile machte durchaus Spaß, wobei dabei natürlich immer ein paar Bands mit relativ wenigen Fans auskommen müssen, wenn sie eine sehr exotische Rolle im Billing einnehmen. Wir sind gespannt auf 2012!

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