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Im zweiten Teil des Interviews mit Joakim Brodén von Sabaton verrät Joakim uns das Geheimnis des "Noch ein Bier"-Chants, seinen größten Fetisch und seine Haltung gegenüber Orchestern. Damit schliessen wir dieses wirklich ausführliche Interview ab und hoffen es gefällt euch!

 

MARCUS: Gibt es neben Sabaton noch Nebenprojekte die ihr verfolgt?

JOAKIM:  Ja, da gibt es einige! Aber im Moment werden die nicht weiter verfolgt weil ich keine Zeit dafür habe. Darum warte ich auf den ersten August. Ich habe mit zwei Freunden ein Thrash-Metal Trio gegründet. Ich spiele Bass und singe.

MARCUS: Dich kann ich mir irgendwie nicht in einer Trash-Metal Combo vorstellen..

JOAKIM: Oh, wir spielen keinen Destruction-Artigen Metal. Das geht eher so in die Richtung Metallica, Pantera. Schnelles Bay-Area Zeug mit einigen Iced-Earth artigen Riffs. Und ich hatte noch etwas progressiveres mit Rikkard am Start. Nicht so komplex wie Dream Theater sondern ein bisschen mehr symphonisch und keine permanenten Wände von verzerrten Gitarren.. Das ganze lief für ein Jahr oder zwei und dann kam uns Sabaton in die Quere. Ich hoffe dass wir nochmal die Zeit finden nur aus Jux ein Album aufzunehmen. Es gibt so viele Songs die ich geschrieben habe, oder für die ich Ideen hatte die zu krank für Sabaton aber trotzdem coole Ideen sind.

MARCUS: Vor ungefähr zwei Jahren habt Ihr eure "Art of War" Tour in Essen mit dem "One More Beer Festival" gestartet. Das war bis vor kurzem Eure größte Headlinershow mit 600 bis 800 Zuschauern. Vor kurzem habt Ihr in Polen gespielt und es kamen etwa 10.000 Leute zu Eurer Show. Das ist ein ziemlich beeindruckender Anstieg von Zuschauern!

JOAKIM: Ja, aber um ehrlich zu sein... Die Show war kostenlos und jeder der wollte konnte kommen. Es zählt zwar trotzdem, aber es ist irgendwie eine ganz andere Sache da wir keine Tickets verkauft haben. Außerdem war das ein sehr spezielles Event. Das war der 70. Geburtstag der Schlacht von Wizna und die Leute haben ihre kompletten Familien mit Kindern mitgebracht. Polen ist außerdem ein ganz besonderer Fall wenn es um Sabaton geht. Die Polen haben uns wirklich in ihr Herz geschlossen und unterstützen uns sehr stark. Wir haben immer eine tolle Zeit in Polen aber ich hasse diese verdammte Sprache (lacht). Die macht mir wirklich das Leben schwer weil ich ständig Sprachen und Vokabeln verwechsele. Meine Mutter hasst mich dafür. Ich fürchte immer das meine Mutter mich umbringt wenn ich wieder bestimmte Sachen verwechsele.

MARCUS: Ich hoffe, dass sie das nicht machen wird..

JOAKIM: Ich auch, aber zumindest renne ich schneller als sie (lacht wieder)

MARCUS: Wo wir gerade von Euren Konzerten reden... Ihr habt eine ziemlich starke Fan-Gemeinschaft. Ich habe den Eindruck Eure das Fans von quasi überall kommen um Euch live zu sehen, aus Polen, Belgien, den Niederlanden, Österreich.. Sogar aus Australien! Das ist total beeindruckend!

JOAKIM: Ja! Wir waren immer sehr nah bei unseren Fans und das ist wohl einer der Grunde. Und wir finden das normal. Wir müssen uns nicht dazu überwinden oder sowas. Außerdem kommen wir aus dieser kleinen Stadt hier (Falun) und kannten keine echten Rockmusiker. Wir haben nie gelernt wie wir uns verhalten sollen. Es ist erst ungefähr ein Jahr her, dass wir angefangen haben andere Bands zu treffen und uns mit denen darüber zu reden wie sie sich den Fans gegenüber verhalten und wie ihre Fans so sind. Da haben wir erst festgestellt wie verrückt unsere Fans sind. Unser Booking-Agent wollte uns davon abhalten nochmal in derselben Gegend zu spielen obwohl wir noch kein neues Album fertig hatten. Das war eine ganze Zeit lang üblich in dem Business, dass man nicht zweimal in derselben Gegend gespielt hat ohne ein neues Album im Gepäck zu haben. Wir haben in etwa sowas gesagt:
"Hey, bist Du blöd? Wir waren da über ein Jahr nicht mehr.. Buch eine Show!"  
Unser Booker: "Ihr könnt da nicht spielen, Ihr habt noch kein neues Album."
Wir: "Buch uns da eine Show, Du bist bescheuert!".
Und das passierte in Essen an einem verfickten Montag. Das war echt kurzfristig. Wir waren gerade unterwegs und hatten überlegt ob wir nicht unsere Tour da abschließen wo wir sie begonnen haben. Ich meine, wie oft waren wir schon im Ruhrgebiet während der "Art of War" Tour? Es ist verrückt.. Und dann tauchen 700 Leute an einem beschissenen Montag auf! Da haben wir realisiert wie verrückt das ist. Manowar werden nicht müde zu behaupten dass sie die treuesten Fans der Welt haben. Verdammt nein, haben sie nicht!

MARCUS: Das ist wohl wahr. Es waren auch wieder viele Leute aus Polen bei der letzten Show in Essen.

JOAKIM: Ich weiß, wir haben auch ein polnisches Panzer Battalion! Das sind Leute mit denen wir uns wirklich gut verstehen. Die prominentesten Fälle sind Polen, Westdeutschland, die Niederlande und Belgien, zumindest der flämische Teil von Belgien. Viele von denen waren zuerst nur Fans und sind inzwischen enge Freunde der Band. Wo auch immer wir hinkommen, wir sehen immer viele freundliche Gesichter. Und natürlich Leute wie Euch! Ich kommt extra nach Falun (Schweden). Ihr seid doch verrückt! Ihr taucht immer auf wie Ninjas (lacht), wir wissen nie wo ihr als nächstes auftaucht.

MARCUS: That's the Art of War!  (Das ist die Kunst des Krieges)

JOAKIM:  Absolut! (lacht)

MARCUS: Was macht Ihr, wenn Ihr nicht gerade auf Tour seid?

JOAKIM:  Momentan machen wir nicht viel abgesehen von dem Sabaton Zeug. Emails checken, Flüge buchen.. Nennen wir es einfach den Management-Part der Band. Wenn ich damit nicht beschäftigt bin, was ich dann wirklich gerne mache ist einfach nach Hause gehen, in ein hoffentlich leeres Apartment. Dann setze ich mich an mein Piano oder Keyboard, lese Bücher oder fröne meinem größten Fetisch bisher: Dokumentationen! Verdammt, ich schaue in der Woche mindestens 5 wenn ich die Zeit finde. Das Thema ist mir egal. Alles von Geschichte über  Quantenphysik bis hin zu Biologie. Sogar Religion. Ich glaube zwar nicht an Gott, aber ich finde die ganze Idee interessant, sogar faszinierend!

MARCUS: Du hast gesagt dass Du gerne Keyboard spielst wenn Du zuhause bist. Wirst Du nochmal dein Umhänge-Keyboard auf der Bühne benutzen?

JOAKIM: Klar, warum nicht? Wir haben das sogar schon diskutiert! Vielleicht verrate ich da auch schon zu viel, aber macht nix. Da gibt es diesen Song an dem ich gearbeitet habe, aber den ich noch für das aktuelle Album nicht fertig gestellt habe. Dafür gab es mehrere Gründe. Es gibt da Songs in die verliebe ich mich bevor sie wirklich fertig sind. Das sind Songs die fertig sind wenn sie fertig sind. "Cliffs of Gallipoli" war einer dieser Songs. Es hat sehr viel Zeit gebraucht bis er fertig war. Ende der Geschichte. Und dieser eine Song startet mit anderthalb Minuten Piano und Vocals. Normalerweise nutze ich die Zeit während der Soli um von der Bühne zu gehen und mal durch zu schnaufen. Es ist wirklich seltsam.. Auch wenn man kein Instrument spielen muss oder Singen muss ist die pure Anwesenheit auf der Bühne total anstrengend. Alle Augen kleben an Dir und sobald du Hinter den Vorhang gehst fällt der ganze Druck von Dir ab. Wenn ich diesen Song irgendwann fertig habe....
Zusätzlich haben wir überlegt das Daniel (Myhr) und ich uns Keyboard-Duelle liefern können. Nichts was wir auf ein Album packen würden, aber für eine Live-Performance wäre das nett. Daniel macht ein Solo, dann ich.. und so weiter.

MARCUS: Warst Du schon mal in der Kupfergrube in Falun?

JOAKIM: Ja! Schon öfter! Ich weiß, das ist eine Fangfrage denn die  meisten Leute besuchen keine Sehenswürdigkeiten in der Gegend in der sie wohnen. Wir wurden da als Kinder förmlich runter gezwungen als wir in der Schule waren. Danach war ich noch ein oder zweimal in der Grube, aber beim letzten Mal war es langweilig weil gerade renoviert wurde und vieles geschlossen war. Wart Ihr heute da?

MARCUS: Nein aber letztes Jahr.

JOAKIM: Cool!

MARCUS: Woher kommt eigentlich der "Noch ein Bier"-Ruf? Der ist in den Niederlanden und in Deutschland sehr populär, aber ich hab in Schweden niemanden "En Öl Till" rufen gehört.

JOAKIM: Ich glaube das hab ich während einer Show aufgeschnappt. Ich fürchte ich habe viel von dem Deutsch vergessen das ich in der Schule gelernt habe. Aber ich versuche auf Tour immer wieder Sätze aufzuschnappen. Also fragte ich jemanden nach einem nützlichen Satz und er antwortete mir "Noch ein Bier". Und ich meinte dann "Aha! Das kenn ich, können wir das nochmal machen?". Da kommt das Ganze her. Das Verrückteste ist dann auf der "Masters of War" Tour in 2008 passiert als wir in Polen gespielt haben. Wie üblich haben wir die ersten 2 Songs ohne Ansagen gespielt und dann rief ich ein "jeszcze jedno" (noch ein) in Richtung des Publikums. Normaler Weise braucht es ein paar Sekunden bis das Publikum antwortet. Aber hier kam sofort ein richtig lautes "PIWO" (Bier) als Antwort dass mich fast von der Bühne geblasen hätte.  Das war so beeindruckend weil die Show eine Open Air Show war und der Sound vom Publikum  normalweise bei Open Air Shows im nirgendwo verschwindet. Und alles nur weil ein Deutscher mir Deutsch beibringen wollte.. Er hätte schlimmere Dinge sagen können.

MARCUS: Ja,  ich erinnere mich als Du in Tilburg bei der "Christmas Metal Symphony" aufgetreten bist und einige der Niederländischen Fans dich dazu bekommen haben "Neuken in de Keuken" was übersetzt "Ficken in der Küche" bedeutet zu sagen.

JOAKIM: Ja! (lacht)

MARCUS: Wie dem auch sei, es war ein geiler Auftritt! Könntet Ihr euch vorstellen Sabaton mit einem Orchester performen zu lassen? Ich glaube nämlich das im Gegensatz zu anderen Bands die Sabaton Songs mit einem Orchester richtig gut funktionieren könnten.

JOAKIM: Ja können wir. Wir werden das machen, aber momentan ist noch nichts festgelegt. Ich bin sehr perfektionistisch wenn es um solche Sachen geht. Ich möchte jetzt keine Namen nennen, aber viele Bands die mit einem Orchester zusammen arbeiten machen das nur für Publicity und meistens klingt es dann scheiße.  Wenn wir das machen, will ich auch etwas mit dem Orchester aufnehmen und spezielle Songs für diese Gelegenheit schreiben. Einige unserer Songs sind schon so geschrieben das sie von einem Orchester gespielt werden können wie zum Beispiel "Primo Victoria", aber ich will nicht nur Rock Songs mit einem Extra Orchester spielen. Heute wird es als Verkaufsargument genutzt ein Orchester zu haben. "Okay, lass uns dieselben Songs spielen, wir packen nur noch ein paar extra Musiker dazu und verkaufen den Leuten die selbe Scheiße nochmal". Wir wollen sowas nicht machen.
Was für uns spricht ist, dass ich ein klassisch ausgebildeter, professioneller Pianist bin. Wenn ich Songs schreibe muss ich normaler Weise Sachen wegnehmen, weil wir Songs sonst nicht live spielen können. Es gibt keinen einzigen Sabaton Song den wir nicht live spielen können. Es war also auch eine Art Statement von uns, dass wir "Screaming Eagles" gespielt haben. Die Leute haben durchweg gesagt dass wir diesen Song nicht spielen können. Wir haben den schnellsten, härtesten und technisch anspruchsvollsten Song genommen und bewiesen dass wir es doch können. Den Song in die Setlist aufzunehmen war nicht nur ein Statement sondern unsere Art zu zeigen, dass wir alle unsere Songs live spielen können. Normalerweise schreibe ich Songs mit viel mehr "Orchester" als wir in der Albumversion benutzen weil wir das sonst live nicht spielen können. Aber diese "erweiterten" Versionen  können wir natürlich benutzen wenn wir mit einem echten Orchester spielen. "40:1" zum Beispiel.. Ich habe bereits eine Version mit Geigen aus der Vorproduktion die im "always remember" teil des Songs herumwandern und dann wenn der Teil seinen Höhepunkt erreicht kommen Trompeten und sowas hinzu. Der Song ist wirklich für ein Orchester geschrieben. Ich war so verdammt stolz als ich den Teil  um 4 Uhr morgens fertiggestellt hatte. Und als ich der Band das vorgespielt hab waren die Reaktionen in etwa diese: "Hm.. das ist wahrscheinlich die genialste Bridge die du je geschrieben hast... aber bist Du total bescheuert?" Wir können natürlich Samples benutzen, dann können wir das spielen. Wir haben mit Samples kein Problem, aber es muss live gespielt werden. Es ist für mich kein Betrug wenn Daniel ein gesampletes Orchester spielt, solange er es wirklich spielt.

MARCUS: Ich habe jetzt eigentlich keine Fragen mehr, außer vielleicht einer: Hast Du noch irgendwelche abschließenden Worte?

JOAKIM: Ich wusste es! Es gibt immer genau eine Frage von der ich vor einem Interview weiß, dass Sie kommt. "Noch irgendwelche abschließenden Worte?" In 90% der Fälle kommt diese Frage und ich weiß nie was ich sagen soll. Auf Deutsch würde ich wahrscheinlich "Noch ein Bier!" sagen.

MARCUS: Vielen Dank für das wirklich coole Interview!

JOAKIM: Gern geschehen. Wir sehen uns auf unseren  neuen Tour!