Markus (MetalViecher.de): Hi, ich bin Markus von MetalViecher.de. Meine erste Frage betrifft eure Line-Up-Änderung, denn Alex hat euch ja aus gesundheitlichen Gründen verlassen, wie geht es ihm?

Steven Kretschmar (Narziss): Ihm geht es gut, er wird nur nie wieder in einer Hardcoreband schreien können. Aber das Ganze hat keinen Einfluss auf sein normales Leben. Es ist halt nur kein Schreien möglich.

Markus: Wie überraschend kam das für euch?

Steven: Für uns war das definitiv überraschend. Alex hat neben der Band schon immer Gesangsunterricht genommen, damit er die Stimme weiter stärkt. Und für uns war es wirklich überraschend, dass es so endet.

Markus: Für Außenstehende war sofort mit Steven Jost Ersatz gefunden, wie lange habt ihr gebraucht, um Ersatz zu finden?

Steven: Das war von Anfang an eigentlich klar. Steve hat bei uns schon als Sänger ausgeholfen und ist schon als Tourmanager und Merchandiser mitgefahren und begleitet die Band schon über Jahre. Und da wir wussten, dass After Rising Sun nicht mehr existiert und er da nach unserer Auffassung einen sehr sehr guten Job gemacht hat war das für uns klar. Ich sag mal jemand außen stehenden in die Band zu lassen wäre schwierig gewesen und da es sich für Alex erledigt hatte war für uns sofort klar, dass das Steve macht und der hat dann gleich zugesagt. Wir sind halt nicht mehr die Jüngsten und unter Umständen vielleicht auch schwierige Einzelcharaktere und da jemand ganz frischen in die Band zu holen, der uns gar nicht kennt hätte glaube ich nicht funktioniert. Von daher mussten wir uns menschlich gar nicht groß umstellen. War schön.

Markus: Die Fangemeinde trauert jetzt um Alex, aber wie nimmt sie den neuen Sänger an?

Steven: Wir haben bisher nur einen einzigen schlechten Kommentar auf unserer MySpace-Seite gehabt. Die Resonanz ist durchweg positiv. Ich weiß auch nicht, ob wir wirklich so eine Band sind wo Einzelpersonen so extrem wahrgenommen werden. Wenn zum Beispiel Leute zum Steve sagen, dass er auf dem Full Force eine super Show abgeliefert hat und da noch gar nicht bei uns gesungen hat oder wenn Leute zu mir sagen, dass ich auf der „Echo“ zu viel singe und dort eigentlich kein einzigen Ton gesungen habe, dann weiß ich halt, dass wir eine Band sind, die nicht so extrem über die Person wahrgenommen wird.

Markus: Na gut, aber der Sänger ist natürlich immer besonders auffällig.

Steven: Sicherlich, natürlich aber Narziss ist halt auch eine Textband, die sich halt über die Texte und die deutsche Sprache identifiziert und von daher ist das denke ich nicht so dramatisch. Er macht einen super Job, also von daher ist das okay. Klar das ist immer eine subjektive Geschichte, wem das nicht gefällt, dem gefällt das nicht. Aber da können und wollen wir nichts dran ändern. Es gibt viele die sagen, dass wir jetzt geiler sind und … naja … mal gucken. Er braucht sicher auch noch ein Stück weit Einarbeitungszeit, es ist ja nun erst das fünfte oder sechste Konzert.

Markus: Er muss ja auch die Lieder erst mal alle lernen, aber das hat gut geklappt?

Steven: Ja das klappt alles so, ja.

Markus: Zusätzlich stand in dieser MySpacemeldung auch, dass ihr das Ende der Band ins Auge fasst. Auch da war die Begründung diese Geschichte mit Alex. Ich mein, dass ist nicht der erste Besetzungswechsel und warum ist dieser da ausschlaggebend.

Steven: Das hat nichts mit Alex zu tun. Das Ende ist dahingehend in greifbare Nähe gerückt, da wir halt sagen, dass wir das nicht bis an unser Lebensende machen können und wollen. Für uns sind manche Sachen im Privatbereich einfach viel stärker in den Mittelpunkt gerückt: Frauen, Kinder, die Frau unseres Gitarristen bekommt bald ihr drittes Kind und Haus bauen, Selbstständigkeit und so weiter. Das wird immer schwieriger vereinbar mit der Band und wir wollen wenn wir etwas tun das auch mit 100% tun und nicht nur mit dem halben Arsch und für uns soll die Band halt Priorität haben und wenn wir nicht bereit sind dass zu leisten, dann muss man halt über das Aufhören nachdenken.

Markus: Das heißt auch, dass es im Zweifelsfall keine neue Band geben wird, oder dass ihr dann woanders mitmischt?

Steven: Da sind Sachen in Planung, da kann ich noch nichts zu sagen, dass sind alles nur Spinnereien. Wir mögen uns ja als Menschen auch und werden uns sicherlich noch weiter treffen und gemeinsam Musik machen aber sicher nicht in dieser Form, also mit Shows und so weiter und sofort. Es wird auf jeden Fall auch in Zukunft Musik mit beteiligten von Narziss geben, vermutlich nur nie live. Eventuell nur reine Studiogeschichten oder irgendwas in eine komplett andere Richtung. Darstellende Kunst mit Musik verknüpft, irgendwie so was. Aber wie gesagt, dass ist alles noch weit weg. Für uns gibt es jetzt erstmal nur Narziss un daran wird sich in den nächsten Wochen und Monaten nichts ändern.

Markus: Wie weit seit ihr mit dem neuen Album?

Steven: Das läuft, gut die Hälfte der Songs ist geschrieben und wir gehen, davon aus, dass wir im nächsten Februar/März aufnehmen werden, sodass die Platte vielleicht im April/Mai rauskommen kann. Also vor der nächsten Festivalsaison.

Markus: Kannst du schon mal ein paar Details, zum Beispiel über den Titel der Platte, verraten?

Steven: Nein, da haben wir noch gar nichts. Ich kenne noch nicht mal alle Texte, die bis jetzt existent sind, aber die Thematik des Endes wird natürlich im Vordergrund stehen.

Markus: Also wird es auch definitiv das letzte Album?

Steven: Ja, wir wollen uns nochmal mit nem guten, nem richtig guten, Album von den Leuten verabschieden, die uns über Jahre lang begleitet haben.

Markus: Ich denke mal, ihr werdet das öfter gefragt, aber man fragt sich halt immer, warum ihr deutsch singt. Weil man es besser versteht, weil ihr da besser schreiben könnt, oder um euch abzuheben?

Steven: Deutsch war bei uns von vornherein das richtige Mittel, da wir deutsche Muttersprachler sind und schlecht Englisch sprechen. Wir finden auch, das man bestimmte Themen mit der deutschen Sprache wesentlich umfangreicher ab handeln kann, da die deutsche Sprache viel mehr Worte hat und durch die zehntausend Begrifflichkeiten für das selbe kann man etwas viel besser beschreiben. Deswegen war das für uns nie ein Thema. Wir haben es mal mit einer EP auf englisch versucht aber das steht uns nicht. Wir hoffen natürlich, dass sich die Leute mit unseren Texten beschäftigen und ich höre halt immer von deutschen Bands, die auf Englisch singen, dass die Texte darunter leiden. Wir wollen halt nicht so mit Standardphrasen, wie „Two steps foreward – one step back“ oder so arbeiten das liegt uns halt nicht. Unser Englisch ist halt viel zu schlecht um das auszudrücken, was wir wollen.

Markus: Wer schreibt bei euch die Lieder, oder macht ihr das alle zusammen?

Steven: Die Texte kamen bis jetzt immer vom Alex und vom Johannes. Der Löwenanteil aber vom Johannes, von daher wird sich in Zukunft inhaltlich auch nicht viel ändern. Der bekommt da Input von uns und von der Umwelt, was er halt in sich aufnimmt. Musikalisch entstehen Sachen im Proberaum einfach nur beim zusammen spielen. Viele bringen Idee von zu Hause mit oder nehmen zu Hause separat was auf und stellen das mal vor. Die Musik ist also so eine Gemeinschaftsproduktion, wobei beim Johannes und beim Steffen, unserem Schlagzeuger, der Hauptteil der Arbeit liegt.

Markus: Wie ist deine Meinung zu Raubkopien? Also gehören die alle in den Knast oder ist es okay, solange man kauft was man mag. Siehst du die Schuld eher beim Verpennen von neuer Technologie seitens der Musikindustrie oder bei der „Geiz ist geil“-Haltung der Gesellschaft?

Steven: Ich denke es ist eine Mischung aus verschiedenen Komponenten. Zum einen finde ich es einfach frech, dass eine CD für 17 oder 18 Euro im Laden steht. Das Problem ist halt, dass da viel zu viele dran mit verdienen. Die Künstler sind die, die am wenigsten an der Platte verdienen. Ich habe prinzipiell nichts gegen Raubkopien, ich habe nichts dagegen, dass die Leute unsere Platte aus dem Internet laden, solange die Leute zu unseren Konzerten kommen und auf unseren Konzerten Spaß haben und mit unseren Songs was anfangen können. Wir sind halt einfach nicht drauf angewiesen, da wir Jobs nebenbei haben, mit denen wir unseren Lebensunterhalt verdienen. Für uns ist es einfach nicht wichtig, ob wir 1.000 oder 10.000 oder 5.000 Platten verkaufen. Das Label soll sich gut fühlen und deren Sachen los werden, das ist uns natürlich auch wichtig, aber sonst habe ich persönlich kein Problem mit Raubkopien. Ich möchte Raubkopierer auch nicht dahingehend stigmatisieren und sagen, dass die alle ins Gefängnis gehören. Also ich denke, da gibt es halt Möglichkeiten, die nicht ausgeschöpft werden, wie irgendwelche Downloadgeschichten, Musikflats oder das man halt einen monatlichen Betrag bezahlt und sich die Musik runterladen kann. Das hat natürlich den Nachteil, dass man sich alles runterläd aber die Musik nicht mehr bewusst wahrnimmt. Ich bin noch so ein armer Irrer, der in nen Laden geht und Platten kauft. Ich finds halt ne schöne Sache, wie es halt Heaven Shall Burn gemacht haben: Ne Vinylplatte und dazu das Album vollwertig auf CD. Oder Sick Of It All mit der letzten Scheibe, die haben das genau so gemacht. Das find ich ne super Sache. Da bekomme ich auch etwas für mein Geld und da tut es mir auch nicht weg 18 oder 20 Euro dafür zu bezahlen.

Markus: Nicht so wie bei anderen Bands wo sie dann am Booklet schon sparen.

Steven: Ja so eine schöne Vinyl und auf CD das ganze für's Auto, weil ein Plattenspieler im Auto ist blöd. Das auf CD dann oder ein Downloadcode das ist eine super Sache. Die Geschäfte haben es glaube ich ein bisschen verschlafen, dass so welche wie du und ich, so Spartenmusik Hörer, die Leute sind die auch noch viel Musik kaufen. Irgendwelche Trendkids, die einfach nur noch konsumieren die rennen heute hier („Kölner Underground“, Anm. d. Red.) und sind morgen bei einem Mayday-Rave und die kaufen natürlich keine CDs. Ich denke Metaller zum Beispiel kaufen shcon noch viel Platten. Oder aber auch beinharte Jazzfreaks, also jeder der wirklich Musik bewusst wahr nimmt und ne bestimmte Musikrichtung bewusst liebt, der kauft auch Platten. Und die Leute muss man überzeugen und nicht irgendwelche, ich sag mal, Trendkids.

Markus: Was war der beste Gig den du bisher gespielt hast?

Steven: Och da gab es viele. Also sicherlich am beeindruckensten war die Show auf dem Wacken Open Air, keine Frage. Allein von der Menschenmenge ist das unglaublich gewesen, aber wir hatten sehr viele schöne Shows in Berlin. Ich kann jetzt echt nicht sagen was die schönste war. Also Wacken Open Air war schon beeindruckend und auch letztes Jahr die Full Force Show war super, aber ansonsten würde ich da jetzt keine rausstellen. Wir haben eigentlich immer Spaß also von daher kann ich nicht sagen was die beste wäre.

Markus: Magst du lieber die großen Festivals mit zigtausend Leuten oder so kleine Clubs, wie hier das Underground?

Steven: Das ist mir eigentlich egal. Das hat beides seine Reize. Es nutzt uns nichts wenn wir vor 5.000 Leuten stehen und es denen nicht gefällt. Ich spiele lieber vor 30 komplett durchdrehenden Punks. Die dann auch einfach Spaß an der Musik haben, Spaß an unserer Unterhaltung haben. Und von daher hat beides seine Reize. Wacken war sehr schön das mal alles zu sehen, auch hinter den Kulissen. Einfach mal in diesem Ablauf da drin zu sein und auf so einer Bühne gestanden zu haben vor so vielen Menschen. Das ist natürlich sehr unpersönlich, klar, aber Hauptsache die Leute haben Spaß, da können das von mir aus nur fünf Mann sein. Wenn die Spaß haben und ausflippen. Zur Not machen wir das mit denen zusammen, wenn da wirklich nur fünf Mann stehen.

Markus: Was für Musik hörst du momentan persönlich?

Steven: Ich höre sehr viel ruhigere Musik zur Zeit. „God Is An Astronaut“, „Koma“, „Cult of Luna“ zum Beispiel. So ganz schlimmen Krach brauche ich privat zu Hause eigentlich nicht. Die aktuelle „The National“ finde ich super. Ich weiß nicht wann ich das letzte Mal wirklich ne Metalplatte gehört habe, außer die aktuelle „Heaven Shall Burn“. Aber ansonsten hab ich ja jeden Abend Krach, also von daher. Das wollen meine Kinder glaub ich auch nicht.

Markus: Musst es ja nicht sooo laut drehen.

Steven: Ne, also ich hab es gern ein bisschen relaxter zu Hause

Markus: Ich wünsche euch alles Gute für die Zukunft, bedanke mich für das Interview und überlasse dir hiermit das letzte Wort für Anmerkungen, Grüße, Weisheiten, Werbung oder ähnliches.

Steven: Die Leute sollen weiterhin zu unseren Konzerten kommen. Sie sollen uns sehen, solange es uns noch gibt und sie sollen auf jeden Fall mehr Kinder machen. Kinder machen das Leben unheimlich reich und schön.