Nachdem ich Sepulturas neue Scheibe A-Lex reviewed habe, hat es sich kurzfristig ergeben, dass ich die Möglichkeit habe Sepultura zu interviewen. Großes Kino für mich, da es sich früher um einer meiner Lieblingsbands gehandelt hat. Also auf ins Turock! Dort angekommen wurde ich zuerst aber auf später vertröstet: Die Band war grade mit dem Soundcheck beschäftigt, welcher sich schon ziemlich fat angehört hat, was ziemlich ungewöhnlich fürs Turock ist. Nach einer Runde durch Essen wurde ich dann schnurstracks rein gelassen, zusammen mit Michael Kulüke von Powermetal.de, der es sich nicht nehmen lassen wollte seine Lieblingsband zu interviewen. Technischer Manager Andre Dellamanha hat uns freundlich begrüßt und uns durch die Backstage-Katakomben des Turocks geführt. Der enge Zeitplan machte allerdings klar: Michael und ich müssen uns das Interview teilen, was allerdings sehr cool war, da sich unsere Fragen prima ergänzt haben und weil er mir während eines technischen Defekts gründlich aus der Patsche geholfen hat. An dieser Stelle einen schönen Dank an Michael. Leider war die Zeit etwas knapp. Nach einigen wenigen Minuten wurde uns schließlich Gitarrist Andreas Kisser präsentiert: Volltreffer!

Michael Kulüke (Powermetal.de): Hi Andreas, ich bin Michael von Powermetal.de…

Diego di Bartolo (MetalViecher.de): .. und ich bin Diego von Metalviecher.de.

Michael (PM): Ich bin ein wirklich sehr großer Fan von euch. Kein professioneller Journalist sagt sowas normalerweise, aber es ist eine wirklich große Ehre für mich, dieses Interview mit dir zu führen.

Andreas Kisser : (lacht). Vielen Dank.

Michael (PM): Okay, wie läuft die Tour bis jetzt?

Andreas Kisser: Wirklich gut. Das ist die erste Station der Tour hier in Europa, wo die neuen Songs zusammen mit den Alten spielen. Wir spielen viele neue Songs und wir hatten im Voraus ein Voting auf unserer Seite angeboten, wo die Fans die Gelegenheit dazu hatten, Songs der älteren Alben für die Setlist auszuwählen. Wir haben ihnen 64 Optionen angeboten.

Michael (PM): Ja ich weiß. Ich habe selber an dem Voting teilgenommen.

Andreas Kisser: (lacht). Cool! Das war echt interessant zu sehen, für welche Songs abgestimmt wurde.

Diego (MV): Warst du über die Wahl der Fans überrascht?

Andreas Kisser: Ach, man weiß ja nie so recht, was einen erwartet. Größtenteils wurde Titel von der „Schizophrenia“ und „Beneath the Remains“ ausgewählt, ein paar von der Chaos A.D. und Roots, mal von der „Against“, „Nation“. Es ist cool, von allem etwas dabei. (lacht)

Michael (PM): Haben die Fans viele der Songs ausgewählt, die du auch auf die Setlist gesetzt hättest?

Andreas Kisser: Ja. Die Setlist ist dieses mal um einiges länger. Wir spielen knapp 1 Stunde und 45 Minuten …

Diego (MV): Sehr geil …

Andreas Kisser: … und es ist dieses Mal echt die vollständigste Setlist überhaupt. Wir mussten 18 extra Songs neben dem gewöhnlichen Set proben, Einige haben wir schon lange nicht mehr live gespielt und manche noch gar nicht. Es ist wirklich aufregend.

Diego (MV): Bist du es leid, dass viele Fans Songs von den älteren Cds fordern?

Andreas Kisser: Nicht wirklich! Wir spielen sie. Wir haben immer ältere Songs in unserer Setlist und schließlich ist es die Entscheidung der Fans. Das ist auch das, was wir mit dem Voting bezwecken wollten.

Michael (PM): 25 Jahre Sepultura haben einiges an Musik hervorgebracht.. Wie sind die neuen Songs bei den Fans angekommen?

Andreas Kisser: Wirklich gut. Viele Leute kennen schon die Songs und die Texte, das Artwork, das Merchandise verkauft sich gut. Das Album hat auch viele gute Kritiken bekommen. Es kommt immer mehr dazu, was wahrscheinlich daran liegt, dass man das Album erst einige Male hören muss, um sich einen Eindruck zu verschaffen. Viele Sachen entdeckt man erst im Nachhinein. Es ist wirklich cool und die Reaktion darauf hier in Europa ist auch wirklich gut.

Michael (PM): Okay, lass uns über das Album sprechen. Ihr habt zuerst Dante XXI aufgenommen, was in einem hohen Maß lyrisch ist und nun habt ihr euch mit Antony Burges „ A Clockworck Orange“ beschäftigt, was auf einer intellektuellen Weise Ekel erregend ist. Das Album ist recht komplex strukturiert, fast progressiv. Was wolltet ihr genau mit eurer Arbeit erreichen?

Andreas Kisser: Es ging um Musik auf eine andere Art und Weise. Sepultura sind nun schon 25 Jahre im Geschäft und haben schon alles Mögliche gemacht. Wir waren in vielen verschiedenen Ländern in verschiedenen Studios und wir sind immer auf der Suche nach neuen Themen die wir verarbeiten können. In den letzten 10 Jahren habe ich Soundtracks für brasilianische Filme geschrieben und ich habe viele Anfragen von Regisseuren bekommen mit anderen Musikern zusammen zu arbeiten. Es wird wirklich interessant, wenn man an eine bestimmte Story gebunden ist. Das muss man dem Regisseur gegenüber respektieren. Man kann nicht machen was man will und muss bestimmte Regeln befolgen, unter Anderem damit der Zuschauer die Story auch besser versteht. Man muss kreativer sein und über seine Grenzen hinaus gehen, man muss auf eine Art und Weise arbeiten, auf die man es sonst nicht getan hätte. Während unserer Arbeit für Dante XXI haben wir genau das gemacht. Wir haben in Bücher nach Ideen auf einem nichtmusikalischen Gebiet gesucht, versucht diverse Handlungen mit Rhythmen zu beschreiben. Und die göttliche Komödie ist ein tolles, vielseitiges Buch. Man hätte 20 verschiedene Alben draus machen können. Und Antony Burges ist eher moderner, leichter zu lesen, der Film ist bekannt und deswegen hat der Zuhörer einen besseren Bezug dazu. Und Bücher erweitern die eigene Vorstellungskraft. Jeder der ein Buch liest hat seine eigenen Vorstellungen dazu und somit verbindet Jeder seine eigenen Ideen damit.

Diego (MV): Während man sich die neuen Songs anhört wird einem klar, dass ihr sehr viel harte Arbeit in das Album gesteckt habt. Was hat sich beim Einspielen der Tracks als am schwierigsten herausgestellt?

Andreas Kisser: Das Schwierigste Stück war „Ludwig von“ mit dem Orchester. Ich habe einen Freund, ein Musikdirektor der auch auf Metal abfährt und deswegen die Aspekte zu berücksichtigen weiß. Er uns dabei geholfen hat, das Ganze zu arrangieren. Wir haben das ganze Stück für Stück durchgezogen, haben uns unser eigenes Orchester zusammengestellt. Es war wirklich hart, aber wir haben viel dazu gelernt und ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Wenn man „ A Clockworck Orange“ als Thema wählt kommt man um Beethoven nicht herum. Seine Stücke stellen einen wichtigen Teil der Story dar, besonders wenn man diese musikalisch präsentieren möchte. Wenn mir uns nicht für dieses Buch entschieden hätten wäre dieser Track gar nicht zustande gekommen und das ist ein Beispiel dafür, dass man aufgrund bestimmter Vorgaben über seine Grenzen hinaus geht.

Michael (PM): Die Aufnahmen spiegeln die Story ja sehr gut wieder. Aber dadurch, dass das Album recht kompliziert und facettenreich strukturiert ist, muss der Zuhörer erst mal seinen Weg durch dieses Labyrinth finden. Welche Eindrücke wolltet ihr damit erzeugen?

 

Andreas Kisser: Im Endeffekt wollten wir ein Sepultura-Album aufnehmen. Wenn man sich zu sehr in das Buch vertieft hätte, wäre es einfach zu komplex und langweilig geworden, jede Phase in Alex leben Stück für Stück darzustellen. Und deswegen haben wir uns auf drei bestimmte Phasen von Alex’s Leben beschränkt und haben unser Konzept darauf aufgebaut. Und viele Songs sind so auf einem natürlichen Wege und beim Jamen mit mir und Jean, unseren neuen Drummer der großartiger Musiker ist, der frischen Wind mit in die Band gebracht hat, entstanden. Das Buch kann man wenn man möchte an einem Tag durchlesen und so haben wir auch das Songwriting und die Aufnahmen gestaltet, für das wir nur ca. 4 Monte gebraucht haben. Die technischen Raffinessen sind schließlich aus den einzelnen Songs selber hervor gegangen, was jeden dieser Songs einzigartig macht.

Diego (MV): Euer Drummer Jean kann auch Bass und Gitarre spielen. Hat der sich auch auf diesem Gebiet am Songwriting beteiligt?

Andreas Kisser: Ja. Besonders auf dem Bass. Er spielt gerne Bass und spielt wirklich coole Grooves, funky.

Diego (MV): Slapping?

Andreas Kisser: Das nicht. Er ist kein Bassist. Er hat aber ein paar Tricks drauf. Er hat prima mit Paulo zusammengearbeitet. Paulo hat es im Studio oft schwer und hier war Jean eine große Hilfe. Es wurden viele verschiedene Variationen durchprobiert.

Michael (PM): Wo wir grade über die Aufnahmen sprechen: Das neue Album unterscheidet sich sehr von den Vorgängern, wie du auch grade gesagt hast. Jedes eurer Alben stellt etwas Eigenes, Neues dar im Gegensatz zu den Soulfly-Alben, die jedes Mal eine Neuauflage der Roots darstellen. Ihr habt euch in eurer Entwicklung von einer politischen Ebene, wo ihr zum Widerstand gegen das brasilianische Regime aufgerufen habt, auf eine lyrische Ebene bewegt. Was war euer Antrieb dazu?

Andreas Kisser: Nun, wir verändern uns eben. Brasilien ist nicht mehr das Gleiche wie vor 20 Jahren, ein völlig anders Land. So ist es auch uns ergangen. Als wir mit Sepultura angefangen haben waren wir einfach Kids, hatten niemanden außer uns selbst und nun sind wir erwachsen, verheiratet und haben Kinder. Jedem ergeht es so, und „ A Clockworck Orange“ zeigt genau das: Zu Beginn ist Alex ein durchgeknallter Teenie, entwickelt sich aber mit der Zeit und trifft später bewusst seine eigenen Entscheidungen. Sepultura wird jeden Tag neu geformt und es ist schwer zu beschreiben, was Sepultura in der Vergangenheit exakt dargestellt hat. Max, Igor, Paulo und ich haben viele Alben zusammen aufgenommen, von der Schizophrenia bis zur Roots, welche sich völlig voneinander unterscheiden, weil wir uns eben verändern. Wir sind aus Brasilien gekommen, haben angefangen zu touren, sind in die Staaten gezogen, haben viel Geld verdient und wir drücken uns eben über die Musik aus. Es ist komisch sich diesbezüglich zu reproduzieren, was wie du grade sagtest bei Soulfly passiert ist. Die Roots ist wirklich großartig geworden, aber sowas passiert nur einmal und das war 1995. Wir sind uns unserer Vergangenheit bewusst und stehen auch zu ihr, aber wir müssen uns schließlich auch weiterentwickeln. Und heute sind wir hier und präsentieren Stücke aus unserer Vergangenheit und neue Sachen. Wir unterliegen nicht unseren eigenen Zwängen und versuchen uns selbst zu reproduzieren. Deswegen wird es auch niemals mehr so sein wie früher.

Diego (MV): Das letzte Mal als ich euch live gesehen habt wart ihr noch mit Roy (Ex-Soulfly) unterwegs und ihr habt in einem viel größeren Laden als diesem hier gespielt, im Palladium in Köln. Habt ihr bewusst ein Auge auf die kleineren Clubs geworfen um dem Publikum näher zu sein?

Andreas Kisser: Nun, wir bemühen uns schon darum vor größerem Publikum zu spielen, aber die Zeiten sind wirklich hart geworden, besonders in den Industrieländern, die stark von der Wirtschaftskrise erfasst wurden. In Brasilien hat sich das noch nicht so stark ausgewirkt und wir spielen immer noch vor großem Publikum. Wir schlagen mit dem neuen Album wieder einen neuen Weg ein und es ist das erste Album ohne die Cavaleras, was viele Leute skeptisch betrachten, also muss man den Leuten Zeit geben, sich an das Neue zu gewöhnen. Wir müssen unsere Möglichkeiten eben ausnutzen und werden im Sommer auf ein paar Festivals spielen. Man wird sehen, wie sich Alles bis dahin entwickelt.

Diego (MV): Ich denke, dass die Gigs auf den Festivals mächtig einschlagen werden.

Andreas Kisser: Wundervoll!

Michael (PM): Viele Fans kritisieren allerdings den geringeren kommerziellen Erfolg der letzten Alben. Manche sagen, dass du deine starke Kreativität opferst um zwanghaft Anders zu werden.

Andreas Kisser: Wir erzwingen dies nicht. Das ist unsere natürliche Art. Wen wir jemanden von uns zu etwas zwingen, wird daraus der Versuch einer Kopie resultieren. Und wie ich eben sagte: Jeder Tag ist in neuer Tag und man verändert sich. Das muss respektiert werden. Es ist nicht unser Bürde uns zu verändern. Wir sind wer wir sind.

Michael (PM): Ihr ernährt eure Familien ja mit Sepultura und teilweise mit euren Soloprojekten. Habt ihr schon einmal daran gedacht, dass es eine andere Möglichkeit geben könnte? Macht ihr euch keine Gedanken wegen der Verkaufszahlen?

Andreas Kisser: Nun die Verkaufszahlen sind in allen Bereichen in den letzten 10 Jahren schon alleine wegen des Internets, der Möglichkeit des Downloadings zurück gegangen. Nicht nur bei Sepultura (lacht)

Michael (PM): Ist dies der Grund warum ihr euch um einen so intensiven Kontakt mit deinen Fans bemüht? Eure PR-Kampagne zu A-lex war wirklich überwältigend, weil ihr so engen Kontakt zu den Fans hattet.

Andreas Kisser: Definitiv, ja. es gibt die Sepularmy, eine tolle Gruppe von Leuten in Europa, den Staaten und Brasilien zu der wir sehr engen Kontakt pflegen und sie machen einen großartigen Job. Wir zahlen ihnen gar nichts dafür, es ist etwas was sie mit Leidenschaft machen und sie folgen der Band. Das gab es schon früher, aber wie wir selber ändert sich auch unsere Fangemeinde. Viele wünschen sich alte Songs, Andere wieder die neuen… Es ist alles dabei. Es ist schwierig zu sagen, was richtig oder falsch ist, aber ich respektiere die Meinung anderer Leute, auch wenn ich nicht mit ihnen übereinstimme.

Michael (PM): Nun, wie sieht euer Plan für die nächsten 2 Jahre aus?

Andreas Kisser: Wir werden sehr viel live spielen. Wir planen A-lex auch mal komplett durchzuspielen, möglicherweise mit einem Orchester

Michael (PM): Hast du vor eine Biographie zu schreiben?

Andreas Kisser: Nicht wirklich. Wir haben schon Ideen für Bücher, aber wir werden demnächst ziemlich viel unterwegs sein, im Sommer die Festivals … Vielleicht werden wir unsere Ideen Ende des Jahres konkretisieren.

Diego (MV): Noch eine persönliche Frage: Welche sind deine drei Metal-Lieblingsalben?

Andreas Kisser: Oh das schwer zu sagen Mann. Metallica „Ride the Lightning“ ,Slayer „Reign in Blood“ und Exodus “Bonded by Blood”.

Diego (MV): Gute Wahl!

Michael (PM): Ihr habt auch einen Exodus-Song auf eurer „Revolusongs“ gecovert.

Andreas Kisser: Ja ich habe mit Exodus-Alben Gitarre-spielen gelernt, „fast-picking“, „leads“ usw. Bonded by Blood“ ist ein Klassiker für mich.

Michael (PM): So, ich glaube unsere Zeit ist jetzt auch um. Vielen Dank für das Interview.

Diego (MV): Vielen Dank!

Andreas Kisser: Ich danke euch.