Vor ihrem Konzert in der Kölner Essigfabrik hatten wir die Möglichkeit ein wenig mit Paul Gilbert von Mr. Big zu plaudern.

Markus (MetalViecher.de): Hallo Paul, ich bin Markus von MetalViecher.de. Willkommen in Deutschland, wie geht es dir?

Paul Gilbert (Mr. Big): Mir geht es großartig, es ist ein schöner Tag draußen, ich war vorhin spazieren und ich werde heute Abend Rock 'n' Roll spielen. Ich habe auch gestern Rock 'n' Roll gespielt, also das Leben ist sehr gut.

Markus: Es mag ein paar Leser geben, die dich und deine Band nicht kennen, könntest du euch mit ein paar Worten vorstellen?

Paul: Hmm, lass mich nachdenken. Wo soll ich da anfangen, jemandem der keine Ahnung hat sagen vermutlich auch andere Bands mit denen wir etwas zu tun haben nichts. Wir sind Mr. Big und haben uns 1988 gegründet. Unser erstes Album erschien 1989 und ich denke, dass was die Menschen als erstes von uns wahrnehmen sind unsere verrückten und schnellen Songs, wir spielen unsere Instrumente sehr technisch und schnell. Wir haben aber auch Popballaden und akustische Passagen in der Mitte. Unsere Musik ist eine Kombination aus vielen verschiedenen Stilen, von richtig harten Songs, bis zu Liedern für die Mädchen ist alles dabei. Wir haben ein angenehmes Publikum, da typische Rocker und Mädchen bunt gemischt sind. Für einen Künstler ist das schön, vielleicht auch für die Leute im Publikum. Ich mag unsere Zuschauer sehr, denn ich war in verschiedenen Bands und kann das vergleichen. Ich habe schon vor moshenden Metallern gespielt und da hatte ich immer die Sorge, dass sich jemand verletzt. Bei uns konzentrieren sich die Zuhörer mehr auf die Musik, was uns Künstlern einen größeren Druck aussetzt alles perfekt zu spielen. Aber das ist ein Druck den ich mag. Die Menschen haben viel Spaß aber sind nicht aggressiv. Es ist eine tolle, aber sichere Show. Wenn du 14 bist und noch nicht wirklich groß bist kannst du trotzdem zu der Show kommen und es ist sicher.

Markus: Wie kamt ihr auf Mr. Big als Bandnamen?

Paul: Jede Band braucht einen Namen und ich glaube der Name kam von einer der Bands, die uns sehr beeinflussten. Wir sind von vielen 70er Jahre Rock Bands beeinflusst und eine dieser Bands ist Free. Free hatten einen Song namens „Mr. Big“ und unser Drummer Pat (Pat Torpey, Anm. d. Red.) hat eine große Liste potentieller Bandnamen erstellt, indem er die Rückseiten seiner Albensammlung durch ging. Ich fand den Namen gut und auch die anderen mochten ihn, so sind wir dann dabei geblieben.

Markus: Mr. Big hatte sich 2002 aufgelöst und es gab 2009 eine Reunion, was hat euch dazu gebracht wieder zusammen auf die Bühne zu gehen?

Paul: Wir wollten einfach wieder zusammen spielen, die Musik genießen und wieder Freunde sein. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht über die Jahre und deshalb kennen wir uns sehr gut. In der Vergangenheit hatten wir großartige und schwierige Zeiten, aber mittlerweile sind wir Experten im Umgang miteinander. Das macht das Ganze viel einfacher, wir wissen was wir tun können und was lieber nicht.

Markus: Wie lang hat es gedauert alle Bandmitglieder von einer Reunion zu überzeugen.

Paul: Das war sehr einfach, denn ich denke wir waren alle bereit dazu. Ich habe bei mir zu Hause Abendessen gemacht und die anderen eingeladen. Wir hatten uns schon eine Weile nicht gesehen, aber das gemeinsame Rumhängen und an alte Zeiten erinnern hat uns viel Spaß gemacht. Danach habe ich die Jungs meinem Manager vorgestellt, welcher dann der Manager der Band wurde. Wir haben dann eine Japan Tour gebucht und so hat sich das alles entwickelt. Das ist der Vorteil bei einer Reunion, man weiß wie man alles zu regeln hat und wir hatten noch Fans aus den alten Tagen, das ist viel einfacher als neu zu starten mit einer Band, die noch niemand kennt. Ich danke den Fans dafür, dass sie sich an uns erinnern.

Markus: Gehen wir mal ins Jahr 1997 zurück, was hättest du gesagt, wenn ich dir erzählt hätte, dass du in 2011 hier in Köln mit einem neuen Mr. Big Album in Originalbesetzung sitzen würdest?

Paul: Zu aller erst wäre ich wohl glücklich 2011 noch am Leben zu sein, denn das ist eine ziemlich lange Zeit. Damals wollte ich einfach mein eigenes Ding machen, aber in mehr als zehn Jahren kann sich einiges verändern. Ich kann jetzt noch nicht einmal vorhersagen, was ich in drei Monaten tun werde und auch heute habe ich keine Idee, was in zehn Jahren sein wird. Es kann alles sein, aber ich hoffe es ist Musik für mich.

Markus: Ihr habt in den letzten Jahren eure Soloprojekte verfolgt, wie lange hat es gedauert, bis ihr euch wieder als eine Band gefühlt habt?

Paul: Zwei Sekunden, wir haben so viel Zeit zusammen verbracht. Und wir sind Musiker, es ist für mich der leichteste Weg mich mit jemandem zu verbinden. In einem Gespräch weiß ich manchmal nicht, was ich tun soll, aber wenn ich eine Gitarre in der Hand habe fühle ich mich sofort wohl und bei den anderen ist dies mit ihren Instrumenten das selbe.

Markus: Wie du schon sagtest zehn Jahre sind eine lange Zeit in der sich auch der Musikgeschmack ändern kann, konntet ihr euch schnell auf eine gemeinsame Linie einigen?

Paul: Das war auch einfach, denn wir wollten nichts anderes machen als früher. Ich war glücklich mit der Band, wie sie damals war und wollte wie damals und ein wenig mehr sein. Ich denke niemand von uns wollte viel anders machen als früher. Gleicher Stil, gleiche Band, gleiche Mitglieder nur noch ein wenig mehr cooles Zeug im Stil.

Markus: Du hast bereits die neue CD „What If...“ angesprochen, was kannst du uns dazu erzählen?

Paul: Wir wollten es so tun wie damals und zusammen schreiben. Beim ersten Album haben wir alle zusammen an den Songs gearbeitet und bei den weiteren Alben hat jeder immer mehr für sich Sachen ausgearbeitet. Und ich denke wenn wir zusammen schreiben wird es auch mehr Mr. Big, so ist jeder glücklich und hat seinen Teil eingebracht. Wir haben es versucht und es hat prima geklappt.

Markus: Wie waren die Reaktionen der Presse und der Fans auf die neue CD?

Paul: Großartig. Ich überlege, woher ich weiß, dass die Reaktionen gut waren. Ich weiß, es, weil es dort draußen einen Bus gibt (lacht). Es gibt einen Bus, eine Crew, eine Halle und viele Leute. Das ist der Beweis, dass die Veranstalter Vertrauen in uns haben und, dass sie sicher sind, dass viele Leute zu den Shows kommen werden. Immer wenn ich diesen Bus sehe gibt mir das ein gutes Gefühl.

Markus: Wo siehst du die musikalische Entwicklung der Band und der Bandmitglieder, von den ersten Alben bis zum heutigen Tag?

Paul: Wir sind alle Vollblutmusiker und jeden Tag üben wir Backstage wie verrückt. Ich glaube es geht alles etwas mehr in die Tiefe, je mehr wir spielen. Ich habe mit 19 mein erstes Album veröffentlicht und damals wollte ich mit meinen Gitarrensoli der Welt beweisen, wie schnell ich spielen kann. Ich kann immer noch sehr schnell spielen, aber Weiterentwicklung heißt für mich nicht zwangsläufig noch schneller oder noch lauter zu werden. Manchmal geht es einfach nur darum aus allen Noten diejenigen auszusuchen, die mir am besten gefallen. Ich lerne immer noch so viel über Musik und ich bin immer noch sehr begeistert.

Markus: Hast du einen Lieblingssong auf der neuen CD?

Paul: „Undertow“, die Single für die wir auch ein Video gemacht haben und die Lieder die wir live spielen, wie das schnelle „Around The World“ oder „Still Ain't Enough For Me“. Aber auch „Stranger In My Life“, einer von Erics (Eric Martin, Sänger, Anm. d. Red.) Songs, gefällt mir, weil er ruhig und doch kraftvoll ist. Das sind die, die mir auf Anhieb einfallen, aber das ändert sich von Tag zu Tag.

Markus: Wie wird der Mix zwischen Klassikern und Neuheiten heute Abend sein?

Paul: Es wird eine ziemlich lange Show, wir spielen für circa zweieinhalb Stunden, da ist genug Zeit für alle alten Favoriten und viel Neues.

Markus: Andere Bands gehen nach knapp 90 Minuten von der Bühne, warum spielt ihr so lange?

Paul: Wir lieben zu spielen und den Leuten gefällt es. Nach dem ersten Gig der Tour kam unser Manager zu uns und meinte „großartige, aber sehr lange Show“. Wenn wir einen Haufen E-Mails bekommen, dass die Fans wollen, dass wir kürzer spielen, dann können wir das auch tun. Aber solange die Leute glücklich scheinen spielen wir so lange.

Markus: Lass uns mal ein wenig in die Kristallkugel schauen, was können die Fans von Mr. Big in der Zukunft erwarten, werdet ihr wieder so regelmäßig CDs veröffentlichen, wie damals?

Paul: Ich habe keine Ahnung, ich konzentriere mich momentan nur auf die Tour, welche auch ziemlich lang ist. Wir waren bereits in Japen, eine Show in den Staaten und nun sind wir mitten in der Europatour. Danach geht’s nach Südamerika, mal hier, mal da eine Tour. Dann kommen wir glaube ich auch wieder nach Europa. Wir sind so gut wie das ganze Jahr auf Tour. Mein kleines Gehirn, weiß noch nicht einmal was danach kommt. Ich versuche das Beste für die Tour zu geben und wir werden dann mal sehen was später kommt.

Markus: Ihr seid in Japan sehr erfolgreich, mehr als in anderen Teilen der Erde, wie kommt das?

Paul: Ich weiß es nicht, denn das einzige was ich tue ist der beste Gitarrist zu sein, der ich nun mal sein kann. Ich kann üben, Gitarre spielen, singen aber das war es auch. Wie die Leute dann darauf reagieren liegt nicht mehr in meiner Hand. Es gibt keine Note, die ich spielen könnte, um gerade die japanischen Fans glücklich zu machen. Ich spiele einfach die Noten, die ich möchte und sehe was passiert. Ich bin froh, egal wo wir Erfolg haben, aber wir hatten überall auf der Welt große Konzerte. Die größte Show überhaupt hatten wir in Brasilien und ich bin richtig aufgeregt, denn da waren wir lange nicht mehr und in einem Monat oder so werden wir dort wieder spielen. Ich denke das ist eine Frage für die Leute vom Marketing, der Plattenfirma oder der Manager. Ich bin ein Musiker und ich denke nur an Noten.

Markus: Du hast ein sehr einzigartiges Erscheinungsbild auf der Bühne mit deinen großen Kopfhörern, warum verwendest du keine normalen Monitore oder ein In-Ear-Monitoring System?

Paul: Das ist auch der Grund, warum ich immer, wenn du redest, die eine Hand hinter das Ohr halte. Wie viele Rockshows besuchst du im Monat?

Markus: Fünf bis zehn, hängt vom Monat ab.

Paul: Wow, das ist schon viel im Vergleich zu den meisten anderen Menschen. Aber wenn du mit einer Rockband tourst spielst du vielleicht 20 Konzerte jeden Monat. Jede Nacht ist wahnsinnig laut. Das geht auf das Gehör und ich versuche das was noch da ist so gut es geht zu schützen. Außerdem klingt es besser als normale Monitore, der Mix in meinen Kopfhörern ist fantastisch. Ich habe mal In-Ear Systeme versucht, aber die sitzen nicht so gut und ich kann sie nicht schnell mal raus nehmen um die Fans zu hören oder ein Gespräch zu führen. Ab einem gewissen Alter ist einem auch egal, wie man aussieht und man will einfach nur gut spielen und die Musik genießen.

Markus: Was hat dich dazu inspiriert ein Musiker zu werden?

Paul: Meine Eltern und mein Onkel denke ich. Meine Eltern haben großartige Rockplatten, von den Beatles der Stones. Mein Onkel war ein wirklich guter Gitarrist und ist es immer noch. Er hat mich auf Jimi Hendrix und David Bowie gebracht. Das hat alles ins Rollen gebracht und dann gab es natürlich noch das Radio, wo ich dann zum Beispiel Led Zeppelin gehört habe.

Markus: Was hältst du von der ganzen Musikpiraterie?

Paul: Ich kann nichts dagegen tun und muss es akzeptieren. Egal wie die Musik von mir zu den Zuhörern kommt, es beginnt immer mit mir und meiner Gitarre und das hat sich nicht geändert. Ob der Sound den ich produziere über eine Plattenfirma, einen Computer oder ein PA System geht macht für mich keinen großen Unterschied. Wenn ich einen E-Akkord spiele, den ich gelernt habe als ich elf Jahre alt war, funktioniert es immer noch wie früher. Egal welchen Weg er dann nimmt das E funktioniert immer und da kann ich mich drauf verlassen, vollkommen egal was passiert.

Markus: Wenn du selber Musik kaufst, was für ein Medium bevorzugst du heutzutage?

Paul: Ich lade es einfach bei iTunes, das ist viel einfacher als viele CDs mitzunehmen, wenn man auf Tour ist.

Markus: Vermisst du dann nicht das Gesamtkonzept mit Artwork und allem drum und dran?

Paul: (überlegt und lacht) vermutlich vermisse ich mein Gehör viel mehr. Als ich ein Kind war hatte ich eine gute Stereoanlage und viele Vinyls und ich habe mich oft einfach davor gesetzt und die Musik genossen. Und jetzt höre ich Musik über diese beschissenen Laptoplautsprecher und für mein kaputtes Gehör macht es keinen großen Unterschied. Es ist eine Schande, wie ich heute Musik höre, früher war mir eine gute Produktion sehr wichtig und ich wollte fette Drums und Gitarren, aber bei den billigen Lautsprechern klingt ja nichts wirklich gut. Ich höre aktuell viel Jazz, da es so simpel ist. Es gibt überwiegend akustische Instrumente und bei einem Trompetensolo sticht sie so heraus, dass ich sie sehr gut hören kann. Ich bin froh, dass ich überhaupt was hören kann.

Markus: Du gibst vermutlich viel Interviews, gibt es Antworten die du gerne loswerden würdest, aber wozu dir niemand passende Fragen stellt?

Paul: Hmm, lass mich überlegen. Ich suche grade etwas wertvolles, was man den Lesern mitgeben kann. Zu wem rede ich, Heavy Metal Fans?

Markus: Überwiegend, aber auch Rock.

Paul: Offensichtlich etwas über Musik, denn das ist der Grund, warum wir uns unterhalten. Ich bin vermutlich älter, als der größte Teil der Leser, also kann ich der Alte sein, der etwas Wissen weiterreicht. Also: Was würde ich meinem jüngeren Ich erzählen, wenn ich die Möglichkeit dazu hätte? Ich würde ihm sagen, dass Musik wirklich großartig ist, ich werde ihrer nie überdrüssig. Möglicherweise einer der überraschendsten Sachen ist, dass im Allgemeinen Mädchen andere Musik mögen als Jungs. Und das hat mich sehr überrascht, als ich jung war dachte ich, dass ich durch das Lernen schneller und schwerer Gitarrensolos die Mädchen beeindrucken könnte. Bei einer Handvoll funktioniert das vielleicht auch, aber die meisten mögen Musik, zu der sie tanzen können, denn dann werden sie selber das Instrument. Sie werden selber zum Star und da kann ich nicht mithalten, jeder will der Star sein und die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Mädchen mögen gerne die Musik zu der sie tanzen können und bei der sie ein Teil der Musik werden, indem sie physikalisch ihren Körper bewegen. Bei einer Rock- oder Metalshow kann man nur sehr selten tanzen. Sie ist mehr etwas für Herz und Hirn als den Körper. Natürlich gibt es auch härtere Musik, zu der man tanzen kann und natürlich gibt es auch Tanzmusik, die interessant ist, aber im Allgemeinen überrascht mich das sehr. Es ist wie, beim vorhin erwähnten Tourbus, da sind nicht viele junge Mädchen, die davor auf einen warten, nein es sind alte Männer die eine Gitarrenlektion wollen. Ich rede gerne über Gitarren, aber ich habe es anders erwartet, als ich ein Teenager war.

Markus: Vielen Dank für das Interview und deine Zeit